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Gertrud Heinzelmann

Gertrud Heinzelmann

eine Vorkämpferin für die Gleichstellung von Frauen in Kirche and Gesellschaft ist heimgegangen

Am 4. September 1999 starb Gertrud Heinzelmann, eine hervorragende Pionierin im Kampf fur politische Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz and fur die Frauenordination in der römischkatholischen Kirche.

Zu ihrem Gedenken erinnern wir an wichtige Stationen in ihrem Leben and an ihr Lebenswerk fir die Befreiung der Frauen.

Gertrud Heinzelmann wurde i. J. 1914 in der Schweiz geboren.

Nach ihrer Reifeprüfung studierte sie Rechts- and Staatswissenschaften an der Universität Zürich. Zweifellos hätte sie gern Theologie studiert, aber das Studium katholischer Theologie war zu ihrer Zeit fur Frauen noch nicht möglich. Im Zusammenhang mit der Arbeit an ihrer Dissertation über „Das grundsätzliche Verhältnis von Kirche and Staat in den Konkordaten" (1943) erwarb sie sich auch genauere Kenntnisse über die Stellung and Wertung der Frau in Theologie and Kirche. Bei ihren wissenschaftlichen Untersuchungen stieß sie nämlich, wie sie später schrieb, auf zahlreiche frauenfeindliche Texte aus der Patristik and der scholastischen Theologie des Mittelalters, die von einer Frau sprachen, „die nur Minderwert ist, ungeistige Materie and deshalb Versuchung... Staff der geistigen Erhebung, die ich naiverweise von der theologischen Denkweise erwartet hatte, fand ich Verkennung, Erniedrigung and Unterdrückung..."... „Mit wachsendem Entsetzen" über eine derartige Abwertung von Frauen stellte sie eine umfangreiche Dokumentation vor allem mit Texten von Thomas von Aquin über die Frau zusammen, die später die Grundlage fur ihre (weltweit erste) Eingabe an das Zweite Vatikanische Konzil bilden sollte.

Gertrud Heinzelmann litt extrem nicht nur unter der Diskriminierung der Frau in der römischkatholischen Kirche, sondern auch, besonders als angehende Juristin, unter der niedrigen Stellung der Frau im Schweizer Staat (Ausschluß vom politischen Stimmrecht). Sie schreibt dazu: „Die Juristin war im Bild der damaligen Gesellschaft nicht präsent. Für Männer mochte gelten, daß die juristische Ausbildung alle Chancen öffnet - von den breitgefächerten Möglichkeiten blieb fur mich nichts anderes übrig, als ein kleiner geoffneter Spalt. Ich wurde Rechtsanwältin in einem Rechtsschutzversicherungsverein. Die allgemeine politische Rechtlosigkeit der Schweizerfrauen lag lastend auf mir wie ein schweres Leiden, von dem ich Heilung verlangte. Der Kampf um die politischen Frauenrechte war für mich der Weg der Gesundung."

Diesem Kampf widmete sich Gertrud Heinzehnann in der Folgezeit: Als langjährige Vizepräsidentin des Schweizerischen Verbandes für Frauenstimmrecht and als Präsidentin and Vizepräsidentin des Frauenstinunrechtsvereins Zürich sowie durch eine reiche publizistische Tätigkeit hatte sie einen maßgeblichen Anteil an der Durchsetzung der politischen and zivilrechtlichen Gleichberechtigung der Frauen in der Schweiz.

Aufgrund der Erfahrung, daß „die Diskriminierung der Frau auf staatlich-gesellschaftlichem Boden nur einen Teil jener viel größeren geistigen Diskriminierung darstellt, welche durch das Christentum ..., insbesondere in der mir von Jugend an vertrauten katholischen Kirche - auf die Frauen gelegt worden war", verlor sie allerdings nie die Situation der Frauen in dieser Kirche aus den Augen:

In der entscheidenden Stunde, am Vorabend des II. Vatikanischen Konzils i.J. 1962, konnte sie daher für die Frauen in der römisch-katholischen Kirche die Forderung nach Zugang zu Diakonat and Priesteramt and damit nach voller Gleichberechtigung in öffentlicher Form stellen and argumentativ begründen.

Ihre Konzilseingabe mit dem Titel „Frau and Konzil - Hoffnung and Erwartung" erschien im Juli 1962 erstmalig in „Die Staatsbürgerin" (Zeitschrift des Frauenstimmrechtsvereins Zürich).

Dieses Heft gelangte - auf Umwegen - auch in unsere Hände. Da sonst keine katholische Frau ihre Stimme für solche Forderungen erhob, empfanden wir das konsequente Eintreten von Gertrud Heinzehnann fur volle Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche als befreiendes Zeichen der

Hoffung. Wir konfrontierten als damalige Theologiestudentinnen die Professoren der katholischtheologischen Fakultät der Universität Münster mit dieser Konzilseingabe. Die Reaktion war vorwiegend: Befremden - bis hin zum Spott! Eine Ausnahme machte lediglich der damalige Professor fur Kirchenrecht, Peter-Josef Kessler, der es mir (Ida Raming) später ermöglichte, eine Dissertation über die rechtshistorischen and dogmatischen Grundlagen des Kirchengesetzes (c. 1024 CIC) zu schreiben, das Frauen von der Ordination and damit von allen sog. Weiheämtern (Diakonat, Priesterund Bischofsamt) ausschließt.

1963 kam es zu einer persönlichen Begegnung zwischen Gertrud Heinzelmann and uns in Münster. Diese Begegnung vertiefte sich zu einer Zusammenarbeit, aus der dann die erste kritische Analyse .der Stellung and Wertung der Frau in der römisch-katholischen Kirche erwuchs, and zwar als Sammlung von mehreren Konzilseingaben and Artikeln, die die Forderung nach Zugang zu allen kirchlichen Ämtern, nach Reform der liturgischen Sprache etc. enthielten and untermauerten. Der Titel der deutschenglischen Broschüre lautete: „Wir schweigen nicht länger! Frauen äussern sich zum II. Vatikanischen Konzil - We Won’t Keep Silence Any Longer! Women Speak Out to Vatican Council II". Das Buch wurde 1964 in dem von Gertrud Heinzehnann gegründeten Interfeminas-Verlag veröffentlicht, da sich damals kein katholischer Verlag zu einer solchen Publikation bereitfand!

Durch die tatkräftige Hilfe des Benediktinerpaters Dr. Placidus Jordan (Journalist and Theologe) wurden die Konzilseingabe von Gertrud Heinzelmann sowie das Buch „Wir schweigen nicht länger!" in der kirchlichen Öffentlichkeit bekannt gemacht. Gegenangrife, verletzender Spott and Schmähungen blieben nicht aus -angesichts der als revolutionär geltenden Forderungen im kirchlichen Bereich. Leider reagierten auch mehrere Frauen, darunter Theologinnen, aggressiv and beleidigend auf die Veröffentlichung.

Während Gertrud Heinzelmann auf staatlich-gesellschaftlichem Gebiet die Früchte ihres Kampfes (politisches Stimmrecht für Frauen in der Schweiz) noch ernten konnte, war es ihr leider nicht vergönnt, in der Kirche ähnliche Fortschritte für Frauen zu erleben. Die Entwicklung könnte freilich schneller vorangehen, wenn nicht allzu viele (katholische) Frauen entweder gleichgültig an der Entrechtung der Frauen in der Kirche vorbeileben oder die notwendige Solidarität im Kampf verweigern würden - wegen der damit verbundenen beruflichen Nachteile and Anstrengungen.

Die Kämpferinnen für die Frauenordination and damit für volle Gleichberechtigung der Frauen in aller Welt fühlen sich der Pionierin Gertrud Heinzelmann verbunden, weil sie durch ihre klaren, theologisch and rechtlich fundierten Forderungen nicht nur Maßstäbe, sondern auch einen wichtigen Meilenstein für den Fortschritt der katholischen Frauen gesetzt hat. Wir, die wir Gertrud Heinzelmann persönlich gekannt haben, werden fur die Befreiung der Frauen aus menschenunwürdigen Fesseln in ihrem Sinne weiterarbeiten.

Die Zitate in dem obigen Text sind dem Buch von Gertrud Heinzelmann:

Die geheiligte Diskriminierung. Beiträge zum kirchlichen Feminismus. Interfeminas Verlag Bonstetten 1996, entnommen.

Neben zahlreichen Artikeln in Fachzeitschriften publizierte G. Heinzelmann noch folgende Bücher:

Wir schweigen nicht länger! Frauen äussern sich zum II. Vatikanischen Konzil. Zürich 1964.

Die getrennten Schwestern. Frauen nach dem Konzil. Zürich 1967.

Iris Müller, Ida Raming

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