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Dr. theol. Iris Müller

Dr. theol. Iris Müller

Aus: Zur Priesterin berufen , red. Ida Raming, Gertrud Jansen, Iris Müller and Mechtilde Neuendorff, Druck und Verlagshaus Thaur (Krumerweg 9, A-6065 Thaur, Austria) 1998, pp. 43-52.

Siehe: Bibliographie von Dr. theol. Iris Müller.

Daten

1930 geboren in Magdeburg

1950 Beginn des Studiums der evangelischen Theologie am Katechetischen Oberseminar in Naumburg/Saale, 1955 Wechsel an die Martin Luther-Universität Halle/Saale, Diplom

1958 Konversion zur katholischen Kirche

1959 Flucht aus der ehemaligen DDR über West-Berlin nach Westdeutschland Studium der katholischen Theologie an der Westfalischen Wilhelms-UniversitätMünster/Westfalen; Promotion; zunächst studentische, dann wissenschaftliche Hilfskraft im Fachbereich Katholische Theologie der Universität Münster; Zusatzstudien aufdem Gebiet der Altorientalistik

1971 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Katholische Theologie an verschiedenen Lehrstühlen

1980 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Religionswissenschaft im Fachbereich Katholische Theologie; dort: Aufbau einer Spezialbibliothek zum Themengebiet: Stellung der Frau in den drei monotheistischen Hochreligionen, um interreligiöse und kulturvergleichende Frauenforschungen zu ermöglichen.

1987Initiatorin und Mitgründerin des Vereins Maria von Magdala

1990 Erweiterung dieser inzwischen im Inund Ausland bekann tgewordenen Bibliothek “Frau in den Religionen”

1994 Ruhestand; weiterhin wissenschaftlich tätig aufdem Gebiet der vergleichenden Religionswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Stellung und Wertung der Frau.

"Ich war zur Priesterin berufen."

Geschichte

Meine Kindheit verlebte ich in der ehemaligen DDR in Magdeburg, wo ich am 11.09.1930 geboren wurde. Magdeburg ist eine mittlere Industriestadt, von Haus aus vorwiegend evangelisch geprägt, aber seit dem 19./2O. Jh. stark säkularisiert. Ich wuchs als Einzelkind auf, meine Eltern gehörten zwar der evangelischen Kirche an und standen ihr auch nicht ablehnend gegenüber, waren aber auch keine sogenannten Kirchgänger. Als uns Schulkindern aufgrund der Nazi-Ideologie nahegelegt wurde, aus der Kirche auszutreten, lehnten meine Eltern einen solchen Schritt dezidiert ab.

Religionsunterricht fand während meiner Schulzeit nur noch sporadisch statt. Ich erinnere mich an solchen Unterricht in der ersten Volksschulklasse, er hinterließ einen tieferen Eindruck auf mich, so daß ich davon zu Hause und anläßlich von Familientreffen erzählte. Ich fühlte aber, daß die Erwachsenen diese Informationen als “Erzählungen eines Kindes” betrachteten und nicht ernst nahmen.

Ab 1942 wurden die jüngeren Jahrgänge der Oberschule aus größeren Städten wegen des stärker werdenden Bombenkrieges in sogen. Kinderlandverschickungslager gebracht, die von der Nazi-Partei eingerichtet worden waren. Entsprechend stark war die Indoktrination während des “Dienstes”, der erhebliche Zeit neben einem kriegsbedingt verkürzten Schulunterricht einnahm. Meine Schulklasse war in das Harzstädtchen Wernigerode geschickt worden, dort besuchte ich den evangelischen Vorkonfirmanden-Unterricht bei dem zuständigen Pfarrer. Ich war eine interessierte Schülerin.

Während der Jahre 1943/1944 hatte ich ein religiöses Schlüssel-Erlebnis: Eine Mitschülerin (selbst nicht katholisch) erzählte mir - in der Form eines jugendlichen Abenteuerberichtes - von ihrer Evakuierungszeit im katholischen Rheinland und ihrer dortigen Begegnung mit Katholiken und der katholischenKirche. Um ihre Erzählungen zu untermauern, bat sie mich, einmal gemeinsam mit ihr einen katholischen Gottesdienst zu besuchen. Ich willigte sofort ein. Ein solches Unternehmen fiel in die Zeit meiner “ersten philosophischen Versuche”; ich war ein außerordentlich nach Wahrheit suchender junger Mensch. Meine Lieblingslektüre waren die Reiseberichte des schwedischen Forschers Sven Hedin, seine Beschreibungen tibetischer Klöster und buddhistischer Frömmigkeit beeindruckten mich tief.

Wir beiden abenteuerlustigen Mädchen besuchten einen katholischen Sonntagsgottesdienst. Dort sah ich ein ganz anderes liturgisches Geschehen am Altar und ein anderes Verhalten der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher, als ich es in einem evangelischen Gemeindegottesdienst gewöhnt war. Obwohl mir alles sehr fremd war und ich das Geschehen überhaupt nicht verstand, fühlte ich mich, wie von einer Macht getrieben, dazu veranlaßt, mich hinzuknien. Ich empfand eine mir sonst unbekannte Ergriffenheit, die mich von dieser Stunde an nie mehr losließ. Von da an spürte ich oftmals den Wunsch, diese Gottesdienstbesuche zu wiederholen, allerdings hatte ich aber auch eine gewisse Scheu, in der katholischen Kirche etwas falsch zu machen und mich auf diese Weise als “Nichtkatholikin” erkennen zu geben.

Nach einem Gottesdienst fragte eine Ordensschwester uns Kinder, aus welcher Pfarrei wir kämen. Ganz schüchtern und leise sagte ich, ich sei überhaupt nicht katholisch. Sofort war ich für die Nonne “Luft”, sie würdigte mich keines Blickes mehr. Ich fühlte mich getroffen und unangenehm berührt und schlich in das KLV-Lager zurück.

Während meiner letzten Schuljahre in der Oberschule, - nun wieder in Magdeburg, inzwischen war nach dem Kriege die “DDR” entstanden, - stand für mich fest, daß ich Theologie studieren wollte, allerdings ließ mich die Frage nach dem Phänomen Katholizismus nicht mehr los. Ich hoffte durch das Theologie-Studium mehr Klarheit darüber gewinnen zu können.

Den Entstehungsprozeß der DDR beobachtete ich sehr kritisch, ich äußerte vor allem im Geschichtsunterricht meine Bedenken und Einwände gegen die neue Staatsdoktrin und bezeichnete die entstehende DDR als eine Einparteiendiktatur, - Außerungen, die für mich schwere Folgen haben sollten.

In einer Magdeburger Kirche besuchte ich den Gottesdienst einer “Vikarin” (damals bekleideten Frauen in der evangelischen Kirche noch kein volles Pfarramt), und so sah ich zum erstenmal eine Frau auf der Kanzel - ein beeindruckendes Erlebnis für mich.

Während meiner letzten Schuljahre in der Oberschule suchte ich oftmals meinen evangelischen Gemeindepfarrer auf, um “philosophische” und “theologische” Gespräche zu führen (in Ermangelung meines Vaters, der in der Kriegsgefangenschaft verstorben war). Mein Verhalten war für ein junges Mädchen in der damaligen Zeit völlig ungewöhnlich, daher geriet ich in schwere Rollenkonflikte, denn ich erkannte, daß Frauen in der Gesellschaft unterprivilegiert und abgewertet waren, mit ihnen verband “man(n)” fast ausschließlich das Aufgehen in Haushalt und Familie.

Im Jahr 1950, kurz vor meinem Abitur, hatte sich die DDR so weit gefestigt, daß vor allem im Schulwesen alle “regimefeindlichen Kräfte” unter den Schülerinnen und Schülern, aber auch aus den Reihen der Lehrpersonen entlassen wurden. Auch ich fiel aufgrund meiner regimekritischen Äußerungen im Unterricht der sogenannten “Säuberungswelle” zum Opfer.

In West-Berlin hatte sich eine Schule bereiterklärt, den entlassenen Schülerinnen und Schülern das Abitur-Examen zu ermöglichen. Ich machte in dieser Schule mein Abitur, zumal West-Berlin damals für DDR-Bewohnerinnen und -bewohner noch problemlos zu erreichen war.

Nach meinem Abitur-Examen kehrte ich aus familiären Gründen wieder in meine Heimat zurück; andere Schülerinnen und Schüler verließen dagegen mit ihren Familien nach dem Examen die DDR.

Ab 1950 begann ich ein ev. Theologiestudium in Naumburg/Saale, in einer kirchlichen Einrichtung für solche Studenten, die aus politischen Gründen keine Universität besuchen durften. Während der ersten Semester meines evangelischen Theologiestudiums zeigte sich bei mir immer stärker ein Interesse an Mystik und an religiösen Orden.

Seit 1955 setzte ich mein Studium an der Martin Luther-Universität Halle/Saale fort. Dies war aufgrund einer gewissen Lockerung der Verhältnisse in der DDR nach dem Besuch Chruschtschows in den USA möglich geworden.

Während meines Studiums in Halle besuchte ich öfter die nahe an den Franckeschen Stiftungen, wo ich wohnte, gelegene katholische Propstei-Kirche. Es kam, außer mit dem Propst, zu Kontakten mit einem katholischen Studentenpfarrer (Jesuit), mit dem ich religionsphilosophische Gespräche führte. Im Januar 1956 verstarb meine Mutter, ich verlor damit meine engere Familie und blieb allein übrig. Meine Großmutter starb im Jahr 1954, von der Familie lebte damit nur noch mein Onkel mütterlicherseits, dessen Ehe kinderlos war. Dieser Onkel stand mir von frühester Kindheit an sehr nahe.

Ein besonderes religiöses Erlebnis bedeutete für mich der Probegottesdienst mit Predigt, den jeder Theologiestudent und jede Theologiestudentin vor dem Abschlußexamen in der ev. Kapelle der Universität Halle halten mußte. Ich war tief beeindruckt von dem Sinn des Theologiestudiums, das zur Ubernahme eines Pfarramtes führte.

Ich versuchte vergeblich, den katholischen Propst zur Teilnahme an einem solchen Probegottesdienst zu bewegen, damit er sich selbst überzeugen sollte, daß wir evangelische Theologiestudentinnen gleichberechtigt den Beruf des Pfarrers/Pfarrerin in unserer Landeskirche anstreben konnten.

Nach mit gut bestandenem Diplom an der Martin-Luther-Universität in Halle/Saale konvertierte ich im Jahr 1958 zur katholischenKirche. Der Propst gestaltete diesen Akt besonders feierlich.

Die berufliche Konsequenz, die die Konversion für mich als Theologin nach sich zog, war allerdings katastrophal: Ich fiel als Frau unter die Bestimmungen des katholischen Kirchenrechts. Ich war nun gemäß can. 968 § 1 CIC/1917 (can.1024 CIC/1983) ein weiheunfähiges Geschöpf geworden und sollte auf katholischer Seite von meiner Frage nach der Frauenordination Abstand nehmen. Ich litt schwer unter der Spannung, daß die katholische Umgebung (Priester und Laien) von mir verlangte, meine Berufung zur Pastorin als erloschen zu betrachten und zu bestätigen, daß das “weibliche Wesen” einen solchen Beruf unmöglich mache. Als katholische Frau (in den Augen der Katholiken war ich keine Theologin, Theologen konnten nur Männer sein!) sollte ich die Stellung und Wertung der Frau in der katholischen Kirche als “gottgewollt” und damit als der Schöpfung gemäß akzeptieren. Konnte ich das nicht, sollte ich die katholische Glaubensgemeinschaft wieder verlassen, so wurde mir zu verstehen gegeben.

Der Ubertritt zur katholischen Kirche in der DDR hatte für mich als nunmehr katholische Theologin völlige Existenzlosigkeit zur Folge. Als Frau war für mich ein Zweitstudium an der einzigen Ausbildungsstätte für katholische Theologie, am Erfurter Priesterseminar, unmöglich: Eine erste Fühlungnahme (noch kurz vor meiner Konversion) und Darlegung des Konflikts, den eine Konversion für mich als Theologin nach sich ziehen würde, löste bei dem dort lehrenden Professor für neutestamentliche Exegese, Prof. Schürmann, nur Erheiterung aus, vermischt mit Spott, ich begriff, daß ich in seinen Augen nicht als ernstzunehmender Mensch betrachtet wurde. Eine junge Frau war nach seinem Verständnis anscheinend allenfalls zum Amüsement da.

Da man mir auf katholischer Seite keine beruflichen Chancen aufzeigen konnte, die meiner Ausbildung und beruflichen Ausrichtung auf evangelischer Seite Rechnung trugen, geriet ich in schwere existentielle Bedrängnisse, die ich aber meinem Onkel gegenüber verschwieg, weil er meinen Ubertritt zur katholischen Kirche mit solchen Folgen nicht hätte tolerieren können. Mein evangelischer Gemeindepfarrer, die ev. Gemeindeschwester meiner Heimatkirche und meine Lehrerin, die ich als evangelische Theologiestudentin oftmals in den Ferien besucht hatte, brachen den Kontakt zu mir ab.

Meine existentielle Lage spitzte sich derartig zu, daß ich mich zur Flucht aus meiner Heimat entschließen mußte. Der katholische Studentenpfarrer und Jesuitenpater aus Halle gab mir in dieser Notlage eine gewisse Hilfestellung: ich sollte in West-Berlin das Jesuiten-Kolleg in Charlottenburg aufsuchen, von dort aus wollte er mir dann weiterhelfen.

Im Herbst 1959 verließ ich die DDR als Flüchtling. Nach einem Kurzaufenthalt im Jesuitenkolleg in Berlin-Charlottenburg strebte ich das Notaufnahme-Verfahren in Ber lin-Marienfelde an. Im Oktober 1959 wurde ich nach Westdeutschland ausgeflogen. In einer Gesellschaft, die mir völlig fremd war, mußte ich nun als mittellose, alleinstehende katholische Theologin versuchen, einen existentiellen Neuanfang zu machen.

Nach großen Schwierigkeiten gelang es mir mit Hilfe von Lehrerinnen aus dem katholischen Lehrerinnen-Verband, ab April 1960 an der Fakultät für katholische Theologie der Universität Münster (Westf.) ein Zweitstudium aufzunehmen. Meine finanzielle Startbasis waren das Honnefer-Modell (ein kleines Stipendium) und gelegentliche Zuwendungen von mir bekannten Lehrerinnen aus dem katholischen Lehrerinnen-Verband.

Auch die mir in Westdeutschland inzwischen bekannten Frauen und Männer verlangten von mir, daß ich mich so schnell wie möglich um eine bürgerliche Existenz als Lehrerin bemühen solle, - meine Frage nach der Frauenordination in der katholischenKirche taten sie als “absurde Marotte” ab, die in ihren Augen nur aus meiner ungesicherten Existenz resultieren konnte.

Was ich in den Vorlesungen zur Wertung der Frau hörte - darüber wurde vor allem in Dogmatik und in der Moraltheologie gesprochen -, empfand ich als schockierend. Ich suchte daher den damaligen Professor für Ökumenische Theologie auf: Prof. Dr. Hermann Volk. Die Antwort, die er mir auf meine Frage gab, weshalb Frauen in der katholischen Kirche nicht ordiniert werden können, erschütterte mich zutiefst. Er argumentierte: Da der Mann keine Kinder gebären könne, habe er als Ausgleich dafür das Privileg, an den Altar treten zu dürfen, die Frau habe dagegen das Privileg der Mutterschaft.

Im Laufe meines Zweitstudiums stieg meine innere Spannung immer mehr: Einerseits fühlte ich, daß meine geistliche Berufung auf katholischer Seite nicht erloschen war, andererseits verlangte die katholische Umgebung von mir, ich solle die Wertung und Stellung der Frau in der katholischen Kirche unhinterfragt akzeptieren und endlich den Lehrerinnenberuf, der mir eine existentielle Absicherung bieten könne, anstreben.

Da ich mich als katholische Theologin verstand, suchte ich dringend nach einem geistlichen Ort in der Kirche; ein bürgerlicher Beruf, der meine Konversion zur katholischen Kirche vor mir selbst gerechtfertigt hätte, konnte mir nicht den Ausweg aus meiner Misere bieten.

Nach Kontakten mit dem Benediktinerinnen-Kloster in Eibingen erkannte ich, daß für mich ein Leben in einem weiblichen Orden nur möglich war, wenn ich das kirchliche Bild vom Wesen der Frau bedingungs- und kritiklos übernehmen würde. Ein kritisches Hinterfragen dieses Wesensbildes war nicht möglich, das gaben mir die Nonnen, die im Besuchszimmer hinter einem großen Gitter mit mir sprachen, deutlich zu verstehen: Ihrer Uberzeugung nach konnte eine Frau in der katholischen Kirche nur eine geistliche Brautschaft verkörpern, was durch den Schleier und den Ring ausgedrückt wurde.

Ähnliche Aussagen hörte ich anläßlich einer Einkleidungsfeier im Kölner Karmel. Die als Schwester Ancilla eingekleidete Kommilitonin sagte unverblümt, daß man alles, was man im Theologiestudium gelernt habe, vergessen müsse, weil der Lebensstil im Kloster völlig anders ausgerichtet sei.

Als ich erkannte, daß ich in einem Frauenorden, zu dem ich mich an und für sich hingezogen fühlte, keinen geistlichen Ort finden konnte, war mein Schmerz übermächtig: Ich fühlte, daß ich mich selbst vergewaltigen würde, wenn ich um jeden Preis entweder in einen Orden eintreten oder einen weltlichen Beruf anstreben würde, ohne weiter nach der Frauenordination zu fragen, nur um wie jede andere katholische Frau eine Existenz zu besitzen: also entweder als Nonne oder als verheiratete Frau oder, wenn das nicht in Frage käme, als unverheiratete Lehrerin.

Alle auf katholischer Seite angewandten Maßnahmen, um mich von meinem Verlangen nach der Ordination und dem priesterlichen Beruf abzubringen, fruchteten nichts. Ich fühlte, daß ich davon nicht abgehen durfte und konnte, wenn ich nicht meine tiefste Identität und Uberzeugung wider besseres Wissen verraten wollte.

Ich kam zu der Erkenntnis, daß ich zu meiner Uberzeugung stehen müsse, weil ich eine priesterliche Berufung habe, die ich gerade in einem solchen frauenfeindlichen Milieu, wie es meine Umgebung war, bezeugen mußte. Ich litt daran, daß ich dieses Zeugnis ohne “Legitimation”, allein aufgrund des Charismas, abgeben sollte; denn für meine Umgebung war ich doch nur eine Dahergelaufene, ein Nichts, die keine Geschichte hatte, die man hätte respektieren müssen’

Die Bekanntschaft und schließlich die Freundschaft mit Ida Raming, die als einzige Katholikin mich in meinen Anliegen ernst nahm und zu mir hielt, hat mich auf meinem katholischen Weg bis heute gestärkt, - dies ist mein beglückendstes Erlebnis auf katholischer Seite. Ohne ihre durch nichts zu erschütternde Treue und liebevolle Zuwendung hätte ich diesen Weg kaum gehen können.

In einer inneren Eingebung fühlte ich den tiefsten Wunsch, mit gleichgesinnten Frauen eine geistliche Gemeinschaft aufbauen zu wollen, in der sich zum priesterlichen Amt berufene Frauen gegenseitig stärken und auf ihrem Weg unterstützen sollten, - hatte ich doch erfaßt, daß die ersten Generationen künftiger katholischer Priesterinnen es in ihrem Amt angesichts der jahrhundertealten frauenfeindlichen kirchlichen Tradition außerordentlich schwer haben werden. Mir schwebte vor, daß geeignete katholische Frauen eine vom emanzipatorischen Ansatz her neukonzipierte Gemeinschaft aufbauen sollten, weil die traditionellen Frauenorden wegen des patriarchalischen Frauenverständnisses für unsere Anliegen und Ziele keine Plattform bieten. Ich erkannte, daß katholische Frauen an ein aktives liturgisches Handeln ganz langsam herangeführt werden müssen, um überhaupt ein Wertgefühl und eine Selbstachtung als Personen entwickeln zu können; haben sie doch das Bewußtsein, daß sie als Frauen vom Dienst am Altar auszuschließen sind, tief verinnerlicht.

Sollte eine solche geistliche Gemeinschaft wirklich zustande kommen, würde ich mich als Priesterin darum bemühen, die geistlichen Schwestern in ihrer Berufung zu stärken und sie darin zu ermutigen, ihre Charismen weiterzuentwickeln.

Ich würde mich dafür einsetzen, daß in dieser geistlichen Gemeinschaft theologische Frauenforschung einen großen Stellenwert erhält, da es dringend notwendig ist, die traditionelle Theologie auf ihre Frauenfeindlichkeit hin zu überprüfen, um neue theologische Antworten zu finden, die der Jesusbotschaft entsprechen und die zeitgemäß und menschenfreundlich sind.

Es sollte ferner auf religions- und kulturvergleichende Forschungen großer Wert gelegt werden, damit auf der Grundlage entsprechender Forschungsergebnisse ein interreligiöser Ideen- und Gedankenaustausch von Frauen fruchtbar gemacht werden kann (interreligiöse Ökumene von Frauen). Die geistlichen Schwestern sollten je nach ihren Begabungen ihre Betätigungsfelder auf allen Ebenen selbst entwickeln und ausbauen können.

Als Priesterin der katholischen Kirche würde ich mich für Aufklärungsarbeit, besonders unter Frauen, einsetzen, aber auch zugleich versuchen, Männern unsere Anliegen klar zu machen und sie für eine Mitarbeit zu gewinnen suchen, damit ein herrschaftsfreies und entkrampftes Geschlechterverhältnis auf emanzipatorischer Grundlage entstehen kann.

Darüber hinaus möchte ich mich für einen strukturellen Umbau der katholischen Kirche einsetzen, wobei folgende Ziele angestrebt werden:

Iris Müller

Lese Iris Müllers ‘Katholische Theologinnen - unterdrückt, aber dennoch angepaßt und ergeben’

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