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Soline Vatinel

Soline Vatinel

Aus: “Women - Sharing Fully in The Ministry of Christ?”, BASIC 1995, pp. 39-45.

I want to proclaim God's love!

Ich bin Französin und wurde 1956 in eine katholische Familie hineingeboren. In meiner Familie war es besonders meine Mutter, die den Glauben verkörperte, meine Mutter, die an Krebs erkrankte als ich sieben Jahre alt war, und starb, als ich 12 war. Zwischendurch konnte sie trotz ihrer Krankheit als Katechetin in der Gemeinde arbeiten. Ich erinnere mich daran, wie Kindern kamen und um unseren Esstisch saßen, Bilder zu biblischen Themen malten und meine Mutter ihnen das Evangelium erklärte

Ihr Tod war eine tiefe Erfahrung für mich – ich war zwölf – und stürzte mich in eine Glaubenskrise. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich geglaubt, dass die Liebe Gottes uns vor allem Leid bewahren würde. Als man den Sarg meiner Mutter ins Grab legte, fragte ich mich, wo Gott sei und die Worte Marthas kamen mir in den Sinn. (Ich hatte mehr von den Evangelien als vom Katechismus mit auf den Weg bekommen und bin sehr dankbar dafür). „Wenn du da gewesen wärst, wäre meine Mutter nicht gestorben.”

Es dauerte Jahre, bis ich mit ihrem Tod umgehen konnte – ich war schon eine junge Erwachsene. Zwei Jahre später wählte ich als Motto ein Wort aus dem Johannes-Evangelium, der mich seither getragen hat:

„In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.” (Joh 16,33)

Der Tod meiner Mutter bedeutete auch, dass mein Vater nicht so recht wusste, was er mit seiner Tochter in den langen Sommerferien anfangen sollte. Ich habe auch noch einen älteren Bruder. Zufällig - oder durch Fügung – fuhr jemand mit einer Schülergruppe nach Irland. 1969, im Jahr der „troubles” (des bewaffneten Konflikts in Nordirland) kam ich zum ersten Mal nach Irland, nach Tullow, County Carlow. Damals war ich ein junges Mädchen, das sich so kaputt fühlte wie das Land, in das es kam und sich deswegen in dieses Land verliebte.

Meine Berufung

Meine Liebe zu Irland war so groß, dass ich jeden Sommer wieder kam. Ich hatte mich schon längst entschlossen, nach dem Schulabschluss in Irland zu studieren. 1973 begann ich mein Geschichtsstudium am Trinity College, und 22 Jahre später lebe ich heute immer noch hier.

Als Jugendliche war ich sehr gläubig und nahm auch viel an Bibelkreisen teil. Ich war eigentlich noch ein Kind in meiner Sorglosigkeit, es war aufregend in einer fremden Stadt zu studieren, obwohl ich ziemlich schüchtern war.

Am Ende meines ersten Studienjahrs machte ich eine Erfahrung, die mich seit dem – obwohl es mehr als zwanzig Jahre her ist - nicht mehr los lässt. Sie veränderte den Lauf meines Lebens. Es war eine tiefe Erfahrung, dass Gott die Liebe ist – nicht nur auf intellektueller Ebene, nicht nur im Kopf – sie war real, ich wurde von Liebe förmlich überwältigt. Ich kann es nur so beschreiben und werde dieser Erfahrung dennoch nicht gerecht. Ein überwältigendes Bewusstsein für die Liebe Gottes, nicht nur zu mir, sondern für die ganze Welt. Daraus ergab sich auch die Frage, wie ich auf eine solche überwältigende/gewaltige Liebe regieren sollte. Ich konnte sie nicht für mich behalte, ich musste sie einfach mit anderen teilen.

Und dann kam sehr schnell der Gedanke, dass ich zum Priestertum berufen sei. Es brachte mich sehr durcheinander. In meiner Jugend war der Gedanke des Frauenpriestertums nicht aufgetaucht und ich hatte dies auch nie in Frage gestellt. Ich wollte auch nie Ministrantin sein. Ich hatte akzeptiert, dass Gott Männer zum Priestertum berief, Gott berief Menschen in vielfältige Dienste. Ich definierte mein Lebensziel nicht über das Priestertum und als die Berufung wie ein Schatten auf mich fiel brachte mich das an den Rand des Wahnsinns – und ich meine, dass dies eher vorsichtig ausgedrückt ist.

Ich verbrachte einige Zeit im St. Patrick’s Hospital und landete schließlich mit einer Überdosis in der Notaufnahme des Jervis Street Hospital. Der Studentenpfarrer hatte mich dorthin gebracht. Es war ein Schrei aus tiefer Not, dass mir doch jemand – entgegen aller widrigen Umstände – beistehen könne, das Unbegreifliche zu verstehen. Die Seelsorger waren gute, freundliche Leute, und ich bin ihnen für alles dankbar, was sie in den vier Jahren meiner College-Zeit und später noch für mich taten. Aber die Vorstellung, dass eine Frau zum Priester berufen sein könnte, sprengte ihren Horizont; und so kämpfte ich allein gegen etwas, das ich mit meiner Identität vereinbaren konnte.

Es war ein sehr einsamer Kampf und aus diesen Jahren ist mir gerade das Gebet "Ruf mich nicht – deine Kirche will mich nicht" im Gedächtnis geblieben. Ich hatte nicht den Glauben einer Maria aus Nazareth, die zum Unmöglichen „JA" sagen konnte. Die Kirche wollte Frauen wie mich nicht, also wollte ich nicht, dass Gott mich beruft. Ich hatte zu dieser Zeit keine Ahnung von Theologie, obwohl ich im Rahmen meines Geschichtsstudiums mit der Reformation in Berührung gebracht worden war. So kam ich zur Theologie und ich kämpfte auch damit.

Vier Jahre der Reifung – ich will nicht näher darauf eingehen. Ich machte auch eine Wallfahrt nach Assisi. Ich glaube, dass der hl. Franziskus mir half. Mein Glaube verließ mich nicht – das allein war schon ein Wunder. Ich ging täglich zur Messe und ich glaube, dass mir die Eucharistie das Leben rettete. Nicht nur meinen Glauben, sondern wirklich mein Leben.

Gewalttätige Kirche

Jackie Hawkins hat vom Priestertum als einem Baby gesprochen, einem Baby, das vielleicht eine Fehlgeburt war oder das abgetrieben werden sollte, weil es die Institution Kirche so wollte. Meines Erachtens schlägt man nicht über die Stränge, wenn man sagt, dass die Berufungen zum Priestertum in Frauen „abgetrieben" werden. Denn es handelt sich um das Leben Gottes in den Herzen der Frauen, das hier ausgelöscht wird. Dies ist eine Gewalttat allerschlimmster Ordnung. Sie ist nicht sichtbar und kann deswegen ignoriert werden. Wird sie aber doch zur Sprache gebracht, wird sie sogleich zum Schweigen gebracht.

Die Berufung blieb mir auch nach meiner Heirat mit Colm, einer glücklichen Ehe mit zwei Söhnen. Aber dennoch verschwand die Berufung nicht. Sie ging in den Untergrund, sie ging stärker in die Tiefe. Ich studierte Theologie und arbeitete als Eheberaterin, fühlte mich aber dennoch nicht ausgefüllt. Ich lebte meine Berufung nicht aus. Aber sie wurde tiefer und stärker.

Jedes Jahr, wenn am Gebetstag für geistliche Berufe für das Priestertum geworben wurde, fühlte ich, wie eine Wunde in mir wieder aufgerissen wurde. Wir leben in einer Kirche, die sich um Priester bemüht, aber nicht um die „falschen", die weiblichen.

1990 war es zuviel. Das Baby strampelte und trat in mir und drängte ans Licht. Es war – mit der Gnade Gottes - nicht ausgelöscht worden. Und in diesem Jahr kam das Baby, es war – wie immer – eine sehr schmerzhafte Geburt.

Es war für mich eine Überraschung und es kam auch für meine nächste Umgebung völlig unerwartet – für meinen Ehemann Colm und Eamonn, der ehemalige Studentenseelsorger vom Trinity College, zu dem ich immer noch Kontakt hielt. Es war eine Geburt unter großen Schmerzen, ich weinte tage- und wochenlang über die Schmerzen, die es mir bereitete, wie bei einer Geburt im Höchstmaß unter Spannung zu stehen. Mein ganzes Inneres, meine Gefühle wurden dieser Spannung unterzogen. Ich musste zu etwas Großem Ja sagen und ich war doch so klein. Dennoch drängte es ans Licht, und lebte.

Dies hieß nicht, dass jetzt aller Schmerz ausgestanden war. Ich musste darüber reden, musste mich anderen mitteilen, Nachbarn, Freunden, Bischöfen, einflussreichen Leuten. Das bedeutete noch mehr Schmerzen und trieb mich meines Erachtens in eine reale Begegnung mit dem Kreuz.

Hier ist ein Gedicht, das ich vor drei Jahren über diese schmerzvollen Erfahrungen schrieb: A woman of sorrow – Eine Frau der Schmerzen

Der tatsächliche Zusammenhang war dieser. Ich hatte einem jungen Mädchen, mit dem ich befreundet war im Gespräch zugehört. Sie war von ihrem älteren Bruder sexuell missbraucht worden. Diese tiefgreifende Verletzung ihrer Persönlichkeit hatte zur Konsequenz, dass sie mehr als zehn Jahre im St. John of God’s Hospital verbrachte, um diese Erfahrung aufzuarbeiten und mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Ihr zuzuhören, ihrem Schmerz und ihrer Verletzung ließ auch in mir eine Saite anklingen. Ich bin nicht sexuell missbraucht worden, aber ich bin von meiner eigenen Kirche spirituell zu tiefst missbraucht worden, von der Kirche, die ich zutiefst liebe. Ich bin ihr dankbar, dass sie mir diese Erfahrung zuteil werden ließ.

In der Zeit, als das Gedicht entstand, wurde ich gebeten, meine Geschichte aufzuschreiben. Ich begann mit meiner Kindheit, aber ich konnte es nicht. Es war zu schmerzlich und ich konnte nicht darüber sprechen. Das Gedicht war das einzige, was ich zustande brachte.

Eine Frau voller Schmerzen

Ein Mensch voll Wagemut oder Stein des Anstoßes
hängt sie
mit Blut und Wunden übersät
ihrer Würde beraubt
gekreuzigt
am Kreuz ihrer Berufung.
Über ihrem Kopf befestigten sie eine Inschrift
„Priesterin”
Die blinde Menge jubelt und verhöhnt si
spuckt ihr die Worte Gott, Heilige Schrift und Tradition
ins Gesicht
„Gott erwählt nur Männer”.
„Du bist doch neurotisch, bist ein Fall für den Psychiater.”
„Dir fehlt es an Demut, dir geht es nur um Macht.”
Wenn sie nur widerrufen würde,
zugeben, dass sie sich von einer Illusion der Arroganz hat irreführen lassen.
Viele wenden sie von ihr ab
wenige stehen zu ihr.
18 Jahre lang
ist sie jetzt gebunden
ihre Weiblichkeit verspottet
ihre besten Jahre verrinnen
in einer endlosen Agonie
die Antwort auf die Schreie ihres gebrochenen Herzens - - nur Stille.
von der Kirche verlassen
von Gott verlassen.

Durch den Schleier ihrer Tränen hindurch
sieht sie IHN an ihrer Seite
den liebenden, sanften Christus
der sie rief, nur ein Mädchen,
ihm zu dienen
Mit Blut und Wunden übersät
gekreuzigt am Kreuz SEINER Berufung
und dennoch mit einem Lächeln auf den Lippen:
„Frau, sie nahmen mich nicht auf,
und so nehmen sie auch dich nicht auf,
weil es ihnen an der Liebe fehlt.”

Das Gedicht sollte eigentlich in einer katholischen Zeitschrift abgedruckt werden, aber nach der Enzyklika „Ordinatio sacerdotalis” lehnten die Herausgeber es ab. Von diesem Schmerz zu sprechen bringt wohl zu viel Aufruhr.

Frauen am Kreuz

Als das Gedicht entstand, malte ich auch mit den Farben meiner Kinder ein Bild, aber alles was darauf zu sehen war, war Schwärze. Ich malte eine Frau am Kreuz. Sie ist nackt wie Jesus am Kreuz. Ich studierte zu der Zeit in Milltown und hängte das Bild am Schwarzen Brett auf. Es wurde abgehängt. Nichts ist wohl obszöner als eine Frau am Kreuz.

Später sprach ich mit dem Erzbischof von Dublin über meine Berufung zum Priestertum. Ich hatte das Wort „Kreuz" gar nicht erwähnt, aber er brachte es ins Gespräch und sagte mir: „Nur ein Mann kann am Kreuz hängen."

Es viele gekreuzigte Frauen, wie das Mädchen im St. John of God’s Hospital. Es gibt viele Arten des Leidens und Maria, die am Fuß des Kreuzes stand, hing mit ihrem Sohn am Kreuz. Dies ist ein Schmerz, von dem die Kirche nichts hören will, weil es zu viele grundlegende Fragen aufwirft.

Drawing by Soline Valentin

Ich möchte meinen Bericht nicht mit meinen eigenen Worten schließen sondern mit denen einer Frau, die nicht gekreuzigt sondern in einem kleinen Dort in Peru vor vier Jahren erschossen wurde. Sie war Ordensfrau, Schwester Irene McCormack und wurde von der peruanische Guerillabewegung „Leuchtender Pfad" öffentlich verurteilt und hingerichtet.

Eine Zeugin fürs Frauenpriestertum

Wenige Monate vor ihrer Ermordung schrieb sie einen Brief, der später veröffentlicht wurde. Es gab keine Priester mehr im Dorf. Sie war als einzige dort zurückgeblieben, sie war die einzige, die sich dazu entschlossen hatte bei den Leute zu bleiben, die ihr Gott anvertraut hatte. Sie taufte und feierte Gottesdienst, aber es gab keine Eucharistie. Sie kamen zu ihr, diese Leute in dem peruanischen Dorf, und sagten zu ihr: „Gib uns die Eucharistie". Sie wollte nicht. Sie war nicht geweiht, sie war eine Frau und Gott berief eben keine Frauen; aber dann verstand sie und sie schrieb: Sie schenkten mir die Freiheit, Eucharistie mit ihnen zu feiern. Ich zitiere aus ihrem Brief:

„Weil wir von der einzigen” Realität, der naturwissenschaftlichen und empirischen, voreingenommen sind, fällt es uns schwer, den Wert von Symbolen zu erkennen. Die Kirche verweigert weiterhin den priesterlichen Dienst, der doch vom Wesen her „communio – Gemeinschaft" ist. Dies bedeutet nicht nur einen Widerspruch zur Botschaft Jesu ist, dass es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau gebe, sondern auch dass wir die Last von Dorfbewohnern wie den Unseren auf der ganzen Welt nicht ernstnehmen. Wenn wir uns hoch oben in den Anden in unseren kleinen christlichen Gemeinden im Namen Jesu versammeln, gibt es keine Macht oder Institution auf Erden, die mich vom Gegenteil überzeugen könnte, dass Jesus hier nicht gegenwärtig sei.

Ich bin dankbar dafür, dass die Monate ohne „richtige Messe", die sich endlos hinzogen, wie auch die mich umgebende Kultur, in der ich neue Symbole erfahre/kennenlerne, mich mit einer neuen Liebe zur Eucharistie beschenkt haben.

(abgedruckt in Compass: A Review of Topical Theology, Vol. 25 (4) 1991, 33-35.)

Irene Mc Cormack starb. Sie vergoss ihr Blut, nachdem sie das Blut Christi mit ihren Lieben geteilt hatte.

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