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Die Messliturgie und die Frauen

Die Messliturgie und die Frauen

Eingabe an das Konzil vom 3. November 1963

Dipl. theol. Josefa Theresia Münch, Neukirch (b. Friedrichshafen)

aus Wir schweigen nicht länger! Interfeminas-Verlag, 1964, pp. 54-57

Hochwürdigste Konzilsväter!

Vor wenigen Tagen sprach ich mit einem Bischof. Wir kamen auf meinen Konzilsantrag vom 5. 10. 1962 zu sprechen, in dem ich darum bitte, man möge doch bei allen Anlässen und in der Messliturgie die Frauen ausdrücklich mitanreden, sowohl beim Confiteor als auch bei den Lesungen und besonders beim «Orate fratres». Der erwähnte Konzilsvater zeigte für meine Bitte nicht das geringste Verständnis. Er begründete seine Ablehnung nicht hauptsächlich damit, dass durch die Einfügung der Worte «et sorores» der Text verlängert würde oder damit, dass das Wort «fratres» im Lateinischen schon das Wort «sorores» einschliesse oder mindestens nicht ausschliesse. O nein, er meinte, der tiefere Grund für die blosse Anrede der «fratres» sei darin zu sehen, dass die Frau grundsätzlich nicht opfern könne. Er behauptete, dass die Laienfrau viel weniger Anteil am Messopfer habe als der männliche Laie. Das hänge nicht mit einer angeblichen Minderwertigkeit der Frau zusammen, sondern mit ihrer Andersartigkeit, nicht mit ihrer Minderberechtigung, sondern mit ihrer Andersberechtigung. Das hänge damit zusammen, dass die Frau kein «subiectum ordinis» sei, d. h. die Weihen nicht empfangen könne. Die weiteren Begründungen für seine These schöpfte er aus einer männerrechtlichen Kultur, die er kennt, wo die Frau den Ahnen normalerweise nicht opfern darf. Ausserdem glaubte er seine Theorie mit dem Hinweis auf die männliche Linie im Stamme Aaron und Levi begründen zu sollen und mit dem patriarchalischen Rechtssystem, wonach der Familienname durch die männliche Linie weitergegeben wird.

Ich fürchte, dass noch mehrere Konzilsväter solche Ideen haben, und finde dies alarmierend. — So gesehen ist es nicht mehr bloss eine Frage der Höflichkeit den Frauen gegenüber, ob sie in der Messliturgie beim «Orate fratres» mitangesprochen werden oder nicht, sondern eine Entscheidungsfrage, ob die Frau, die sich ihrer Würde bewusst ist und bewusst sein soll (vgl. «Pacem in Terris»), zum Messopfer kommen soll oder nicht, ob es für sie einen kirchlich anerkannten Sinn hat, im Leben Opfer zu bringen oder nicht. Warum ?

Die Gaben von Brot und Wein symbolisieren bei der heiligen Messe die Opfer und die Hingabebereitschaft der Mitopfernden, der bei der heiligen Messe wirklich oder intentional Anwesenden.

Unsere Gaben werden in den Leib und das Blut Jesu Christi verwandelt zur vollkommenen Opfergabe für den himmlischen Vater, zu einem Opfer der Sühne, der Anbetung, des Dankes und des Lobes und zum Geschenk an die Opfernden.

Der heutige Text vom «Orate fratres» lautet: «Orate fratres: ut meum ac vestrum sacrificium acceptabile fiat apud Deum Patrem omnipotentem [12].»

Nach der These jenes Konzilsvaters würde das bedeuten: die Frau kann grundsätzlich nicht opfern, sie kann auch nicht um die Annahme ihres Opfers bitten, folglich wäre es auch sinnlos, sie zu einem entsprechenden Gebet bei der Messliturgie aufzufordern oder einzuladen.

Das hätte zur Konsequenz, dass die Kirche seit fast 2000 Jahren entweder die Frauen-Opfer zunächst als Männer-Opfer etikettiert und dann erst Gott dargebracht hätte, oder aber dass immer nur um die Opfer-Annahme der männlichen Messteilnehmer gebeten worden wäre und noch nie um die Annahme der Frauen-Opfer als Frauen-Opfer.

Das würde bedeuten, dass die Frauen im Grunde nichts bei der Messe verloren hätten (trotz des Sonntagsgebotes!), weil ja nur um die Annahme der Fratres-Opfer und die Annahme des Priester-Opfers gebetet wird.

Demnach wäre jedes Opferbringen im Leben der Frau, jedes Leiden, das die Frau tragen muss und Gott anbieten will, von der Kirche entweder überhaupt nicht anerkannt, oder nur als Männer-Opfer etikettiert dargebracht und nicht als wirklich spezifische Gabe der Frau mithineingenommen in das Messopfer.

Was sich aus dieser Theorie für die Teilnahme der Frau an Wandlung und Kommunion ergäbe, mögen Sie selber folgern.

Soll diese Auffassung bei den katholischen Frauen ausposaunt werden, bei jenen Frauen, die im Familienleben, im Beruf, nicht zuletzt im kirchlichen Apostolat viele Opfer bringen ?

Soll diese These bei jenen Frauen ausposaunt werden, die häufig zur heiligen Messe gehen und ohne deren Anwesenheit der Priester sehr oft allein (oder nur mit ganz wenigen Männern) die heilige Messe zu zelebrieren hätte ? Soll diese grundsätzliche Meinung des erwähnten Konzilsvaters eben diesen Frauen kundgemacht und hinzugesagt werden: Die anderen Bischöfe haben es nicht für nötig befunden, dagegen einzuschreiten, obwohl sie darum gebeten worden waren? Soll ihnen gesagt werden: Die anderen Konzilsväter haben es — selbst konfrontiert mit dieser Theorie — nicht für wesentlich gehalten, das Opfer der Frauen expressis verbis in den Worten der Messliturgie mit anzuerkennen und einzubeziehen ? Herausgefordert durch solche Ideen im Kopf eines Konzilsvaters, ist es nicht bloss ein Gebot der Höflichkeit, die Gebetseinladung zu erweitern in «Orate sorores et fratres», sondern weit mehr : die Anerkennung der Frauen-Opfer als Frauen-Opfer und deren Einbeziehung in das Mysterium der heiligen Messe.

Herausgefordert durch jene Theorie wird die Entsprechung auf meinen Antrag oder seine Ablehnung — noch hintergründiger gesehen — zu einem Gradmesser, wie weit in der Kirche jene falsche Auffassung des Aquinaten überwunden ist, der in der Frau bloss einen «mas occasionatus» sehen wollte, einen missratenen Mann. So gesehen wird die Frage der Anrede auch zu einem Prüfstein, ob die Kirche jene Auffassung männerrechtlicher Strukturen von der Frau überwinden will, welche der Frau keine Eigenständigkeit und keine Geschäftsfähigkeit zugebilligt haben; wo die Frau zwar faktisch die meisten Opfer zu bringen hatte, wo diese ihre Opfer aber vom positiven Gesetz nicht als Opfer der Frau anerkannt wurden, sondern als Opfer des Mannes galten, unter dessen Gewalt die Frau stand, des Mannes, der allein den Gewinn ihrer Arbeit einheimsen durfte und seine Frau ohne grosse Hindernisse entlassen konnte (Dt. 24, 1). So gesehen wird die Frage der Anrede zu einem Barometer, ob die Kirche zwischen jüdischer Sitte, Sozialstruktur und Rechtssystem einerseits und göttlicher Offenbarung im Alten und Neuen Testament andererseits unterscheidet oder nicht, wenn es die Frau betrifft.

So gesehen wird die Frage der Anrede zu einem Prüfstein, was die Kirche bei der Unterscheidung von «Gleichwertigkeit aber Andersartigkeit» unter dem Terminus «Andersartigkeit» versteht. Ob der Terminus «Andersartigkeit» ein Deckmantel für die Auffassung von der Minderwertigkeit der Frau, ihren Fähigkeiten und ihrer Arbeit ist (mas occasionatus, Beschränkung ihres Tätigkeitsbereichs zunächst bloss auf die Familie, dann widerwillig auf möglichst wenig Berufe), ein Deckmantel für die Missachtung und Unterdrückung der Frauenrechte im öffentlichen Leben, oder ob der Begriff «Andersartigkeit der Frau» von der Kirche so verstanden wird, dass sie sich für die Frauenrechte einsetzt, und zwar sowohl für die Rechte der Frau im Familienleben als auch für die Frauenrechte im Berufsleben und im öffentlichen Leben, in «pflegerischen» Berufen des leiblichen und des geistigen, seelischen und rechtlichen Lebens.

Man sage mir nicht, ich solle diese These eines einzelnen Bischofs nicht überbewerten ! Selbst wenn diese Ideen nur im Kopf eines einzigen Bischofs spuken würden (ich fürchte, er ist nicht der einzige, zumal er behauptete, seine These zu dieser Frage sei im Skriptum eines ändern Bischofs zu lesen), so würde doch daran sichtbar, wie sehr es an der Zeit ist, solchen Thesen den Boden zu entziehen.

Wer aber glaubt, es handle sich nur um eine Höflichkeitsfrage, und die Frauen seien ja beim Wort «fratres» nicht ausgeschlossen, den möchte ich zunächst um den Dienst der Höflichkeit bitten, dann aber auch vor die Frage stellen: Ob es die Männer 2000 Jahre langhingenommen hätten, dass man an ihnen vorbeiredet, dass man immer nur die «sorores» anredet? Hätten sich die Männer da angesprochen gefühlt, eingeladen zum Opferbringen? Ich glaube es nicht. So etwas mutet man nur den Frauen zu, und dann anerkennt man ihre Geduld nicht einmal als Opfer!

Verstehen Sie daher, wenn ich Sie dringend darum bitte, dass Sie, hochwürdigste Konzilsväter, sich dafür einsetzen, dass die Frauen künftig in Ansprachen und in der Messliturgie, beim Confiteor, bei den Lesungen und besonders bei der Gebetseinladung um Opferannahme expressis verbis genannt und angeredet werden. Sorgen Sie bitte dafür, dass dies schon im Liturgie-Schema zum Ausdruck kommt und bei der Gestaltung der Mess- und Liturgie-Texte realisiert wird. Es wäre tief bedauerlich, wenn ein Konzil für das 20. Jahrhundert diesen Aufruf der Stunde nicht begreifen würde.

Ich danke Ihnen für alles, was Sie in diesem Anliegen tun können und mit ganzer Kraft wirken. Lassen Sie mich auch im Namen jener Frauen danken, die erst in einigen Jahren selber an jener Wunde leiden würden, die mir dieser Konzilsvater geschlagen hat.

Veni Sancte Spiritus!

Veni Creator Spiritus!

Mit diesem Wunsch dankt Ihnen, grüsst in Ehrerbietung mit der Bitte um Ihren Segen

Josefa Theresia Münch

Fussnote

12. «Betet Brüder, dass mein und euer Opfer bei Gott, dem allmächtigen Vater, wohlgefällig werde.»


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