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Tradition muss von richtigen Erkenntnissen ausgehen

Tradition muss von richtigen Erkenntnissen ausgehen

Richtiges Verständnis der Tradition
* biblische Tradition
* dynamische Tradition
* latente Tradition
* reife Tradition

„So ist Gott, der einst gesprochen hat, ohne Unterlass im Gespräch mit der Braut seines geliebten Sohnes, und der Heilige Geist, durch den die lebendige Stimme des Evangeliums in der Kirche und durch sie in der Welt widerhallt, führt die Gläubigen in alle Wahrheit ein und lässt das Wort Christi in Überfülle unter ihnen wohnen (vgl. Kol 3,16)...”

„Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt: es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19. 51), durch innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen."

Vgl. Dei Verbum, Nr. 8, Dogmatiche Konstitution über die göttliche Offenbarung, in: K. Rahner/H. Vorgrimler (Hg.), Kleines Konzilskompendium, Freiburg 282000, 371.

Die Erfahrung der Kirche mit ihrer eigenen Tradition hat gezeigt, dass in ihr Missverständnisse und Irrtümer möglich sind. In bestimmten Epochen ihrer Geschichte konnten die Menschen sich nicht einmal über die wahre Tradition klar werden, weil sie falsch argumentierten oder die falsche Realität im Blick hatten.

Damit eine Lehre oder Praxis zur verbindlichen Tradition werden kann, muss sie von sachlich zutreffenden Erkenntnissen ausgehen, das heißt, die Träger der Tradition müssen das Problem sowie den strittigen Punkt, um die es geht, auch wirklich verstehen.

In seinem Werk The Survival of Dogma führt A. Dulles folgendes Prinzip an: "Keine Lehrentscheidung der Vergangenheit löst direkt ein Problem, das zu der betreffenden Zeit überhaupt nicht in Frage stand." So kann man zum Beispiel mit dem Hinweis auf Paulus, wonach Adam eine einzelne Person gewesen sei (vgl. Röm 5, 12 – 21), nicht die heutige naturwissenschaftliche Vorstellung des Polygenismus widerlegen. Diese Frage konnte damals noch nicht einmal gestellt werden. Auf unser Problem übertragen heißt das: Wenn immer sich die Beweislage einer Frage inhaltlich ändert, dann haben wir eine neue Frage, die nicht mit Berufung auf alte Autoritäten befriedigend beantwortet werden kann."

So stellte Pius XII. in Divino Afflante Spiritu (1943) fest: „Denn nicht wenige Fragen, besonders auf geschichtlichem Gebiet, sind von den Erklärern der früheren Jahrhunderte kaum oder nur ungenügend erörtert: fehlten ihnen doch fast alle Kenntnisse, die zu einer genaueren Behandlung solcher Gegenstände notwendig sind."

Papst Pius XII, Rundschreiben über die zeitgemäße Förderung der biblischen Studien. Lateinischer und deutscher Text, Freiburg 1947, 39.

Ich möchte dieses Prinzip in vier Schritten näher erläutern.

  1. Die „Wahrheit" als Quelle der Tradition
  2. Das Beispiel der Zinsnahme für geliehenes Kapital
  3. Die unterschiedslose Verurteilung der Homosexualität in der Vergangenheit
  4. Die Frage der Frauenordination

1. Die „Wahrheit" als Quelle der Tradition

Nach der dogmatischen Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die göttliche Offenbarung (Nr. 8, wie oben zitiert) kommt Fortschritt im Verständnis einer Tradition auf verschiedene Weise zustande:

Das Konzil sagt, die Kirche strebe so „der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen" (Ebd.).

Das wichtige Prinzip ist, dass nach der Hauptquelle „Schrift und Tradition" es noch eine andere Erkenntnisquelle von Wahrheit gibt: die, die uns im Laufe der Zeit auf anderen Wegen zufließt.

Dieses Erkenntnisprinzip ist in der Geschichte der Kirche als auctoritas (= als maßgebliche Quelle) nach Schrift und Tradition anerkannt. Wir finden sie in der Formel wieder: „Alle Wahrheit kommt vom Heiligen Geist, wer sie ausspricht, ist unerheblich." Damit ist gesagt: Wahrheit muss ernst genommen werden, woher auch immer sie kommt, sofern sie als solche aufgewiesen werden kann. Eine solche Wahrheit kann durch neue wissenschaftliche Entdeckungen, durch spirituelle Erfahrungen von Nichtchristen, durch die Weisheit von Philosophen und so weiter gefunden werden.

Vgl. Y. Congar, Die Tradition und die Traditionen I, Mainz 1965, 119 - 124.

Ambrosiasters Prinzip, das gewöhnlich dem Heiligen Ambrosius zugeschrieben wird, ist häufig zitiert worden. So zum Beispiel von:

Das Prinzip ist auch so formuliert worden, dass der Heilige Geist als Quelle und Ursprung jeder wahren Erkenntnis anerkannt wurde. So bei:

Das Erste Vatikanische Konzil (1869 – 1870) definierte, dass es zwischen einer offenbarten Wahrheit und einer Vernunfterkenntnis keinen wirklichen Widerspruch geben könne.

„Aber auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann es dennoch niemals eine wahre Unstimmigkeit zwischen Glauben und Vernunft geben: denn derselbe Gott, der die Geheimnisse offenbart und den Glauben eingießt, hat in den menschlichen Geist das Licht der Vernunft gelegt; Gott kann sich nicht selbst verleugnen, noch (kann) jemals Wahres Wahrem widersprechen. Der unbegründete Anschein eines solchen Widerspruchs aber entsteht vor allem daraus, dass entweder die Lehrsätze des Glaubens nicht im Sinne der Kirche verstanden und erläutert wurden oder Hirngespinste für Aussagen der Vernunft gehalten werden."

Vgl. Dei Filius, Kap. 4, § 3, in: H. Denziger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. von P. Hünermann, Freiburg 381999, 3017

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Folgerungen aus diesem Prinzip noch ausführlicher dargelegt:

Alle Menschen haben, als Personen, das Recht und die Pflicht, die Wahrheit zu suchen. „Weil die Menschen Personen sind,...werden alle – ihrer Würde gemäß – von ihrem eigenen Wesen gedrängt und zugleich durch eine moralische Pflicht gehalten, die Wahrheit zu suchen, vor allem jene Wahrheit, welche die Religion betrifft.
Die Wahrheit muss aber auf eine Weise gesucht werden, die der Würde der menschlichen Person und ihrer Sozialnatur eigen ist, d.h. auf dem Wege der freien Forschung, mit Hilfe des Lehramtes oder der Unterweisung, des Gedankenaustausches und des Dialogs, wodurch die Menschen einander die Wahrheit, die sie gefunden haben oder gefunden zu haben glauben, mitteilen, damit sie sich bei der Erforschung der Wahrheit gegenseitig zu Hilfe kommen."

Vgl. Dignitatis humanae, Nr. 2 und 3; deutsch in: K. Rahner/H. Vorgrimler (Hg.), aaO. 663-664.

„Zur Steigerung dieses Austausches [zwischen der Kirche und den verschiedenen Kulturen] bedarf die Kirche vor allem in unserer Zeit mit ihrem schnellen Wandel der Verhältnisse und der Vielfalt ihrer Denkweisen der besonderen Hilfe der in der Welt Stehenden, die eine wirkliche Kenntnis der verschiedenen Institutionen und Fachgebiete haben und die Mentalität, die in diesen am Werk ist, wirklich verstehen, gleichgültig, ob es sich um Gläubige oder Ungläubige handelt. Es ist jedoch Aufgabe des ganzen Gottesvolkes, vor allem auch der Seelsorger und Theologen, unter dem Beistand des Heiligen Geistes auf die verschiedenen Sprachen unserer Zeit zu hören, sie zu unterscheiden, zu deuten und im Licht des Gotteswortes zu beurteilen, damit die geoffenbarte Wahrheit immer tiefer erfasst, besser verstanden und passender verkündet werden kann."

Vgl. Gaudium et Spes, Nr. 44, deutsch: Rahner/Vorgrimler, aaO. 494 – 95.

Die Anwendung dieser Texte auf die Kirchengeschichte kann dramatische Konsequenzen haben. So hat zum Beispiel das neu aufkommende Bankwesen die Kirche gezwungen, die vom Zinswucher handelnden biblischen Texte neu zu lesen und zu deuten. Forschungsergebnisse über die „genetische" Basis der Homosexualität wirft ein völlig neues Licht auf ihre sittliche Bewertung. Und die Erkenntnis, dass sozial und kulturell bedingte Vorurteile Denken und Handeln der Kirche in früheren Jahrhunderten geprägt haben, fordert dazu heraus, die Frage des Frauenpriestertums neu zu stellen. Eine Untersuchung solcher Beispiele hilft uns, das Prinzip einer „informierten", d.h. sachlich zutreffenden Tradition zu verstehen, einer Tradition, die die „Wahrheit" breiter und tiefer erfasste und sich zu eigen gemacht hat.

2. Das Zinsverbot

Das kirchliche Lehramt hat die Zinsnahme auf Kapitalanleihen bis 1830 verboten. Zinsen zu erheben wurde einfach mit Wucherzins gleichgesetzt, den die „Tradition" kannte und den man mit dem Zins zu unterstützen glaubte. Im folgenden einige Beispiele offizieller kirchlicher Lehraussagen darüber.

Ausdrücklich tat dies Benedikt XIV. in Vix pervenit von 1745. Dort erklärte er:

„Man wird aber auch, um diesen Makel reinzuwaschen, keine Hilfe herbeiholen können entweder aus der Tatsache, dass dieser Gewinn nicht übertrieben und unmäßig, sondern bescheiden, nicht groß, sondern gering ist, oder aus der Tatsache, dass derjenige, von dem dieser Gewinn allein aufgrund des Darlehens gefordert wird, nicht arm, sondern reich ist und die ihm leihweise gegebene Summe nicht brachliegen lassen, sondern höchst nutzbringend dazu verwenden wird, sein Vermögen zu vergrößern, neue Ländereien aufzukaufen oder ertragreiche Geschäfte zu betreiben.”

„Dass er nämlich gegen das Gesetz des Darlehens handelt, das notwendig in der Gleichheit des Gegebenen und Zurückgegebenen besteht, wird jener überführt, der, nachdem ebendiese Gleichheit einmal aufgestellt (wurde), sich weiterhin nicht scheut, von irgend jemandem kraft des Darlehens selbst, dem durch das Gleiche Genüge getan ist, noch etwas mehr zu fordern."

Vgl. P. Hünermann (Hg.), aaO. 2547.

Welches waren die Gründe für diese Verurteilungen?

Die Kirchenväter, Seelsorger, Theologen und Päpste setzten die Zinsnahme für Kapitalanleihen mit Wucherzins gleich, der in der Schrift verurteilt wurde (vgl. Ex 22,24; Lev 25,36 – 37; Dtn 23,20 – 21 usw.). Die Kirche änderte ihre Auffassung, als ihr klar wurde, dass das im Mittelalter aufkommende moderne Banksystem mit Geld auf neue Weise umging.

Zur Zeit des Alten Testaments bestand „Wucherzins" darin, für das Ausleihen eines Laibes Brot oder eines Sacks Weizen einen Gewinn zu fordern. Eine solche Praxis beutete den Armen aus und verdient verurteilt zu werden. Doch das Alte Testament erlaubte Landeigentümern sehr wohl, von Pächtern, die das Land bebauten, eine regelmäßige Einnahme zu fordern. Ein Laib Brot ist nicht fruchtbar, ein Stück Land dagegen sehr wohl. So durfte man vom Land, das man verlieh, einen Teil des Nutzens einfordern. Heutzutage jedoch ist Kapital „fruchtbar". Es wirft Gewinn ab, ähnlich wie ein Stück Land. So ist auch die Zinsnahme für geliehenes Kapital in Einklang mit christlicher Gerechtigkeit.

Weitere Erläuterungen und Bibliographie bei: John Noonan, ‘The Amendment of Papal Teaching by Theologians’, in: Ch. Curran (Hg.), Contraception: Authority and Dissent, New York 1969, 41 – 75.

Fazit

Die frühere sogenannte „Tradition" des Zinsverbots ging einfach von falschen Annahmen aus, das heißt, sie verfügte über keine zutreffende Sachkenntnis. Das Verbot beruhte auf einem mangelnden Verständnis moderner Wirtschaftsprozesse.

Weder Umfang noch Strenge der sog. „Tradition" macht ihre Gültigkeit aus. Es ist unerheblich, wie viele Väter, Konzilien, Theologen und Päpste sie verurteilt haben, und unter welchen Bedingungen. Sie gehörte einfach nicht zur wahren Tradition der Kirche.

3. Die unterschiedslose Verurteilung der Homosexualität in der Vergangenheit

Die Homosexualität wird sowohl im Alten wie im Neuen Testament scharf verurteilt.

Kein Wunder, dass die Homosexualität in der „Tradition" der Kirche stets als sündhaftes Handeln betrachtet wurde.

Vgl. zum Beispiel Clemens von Alexandrien (Paedagogus 2,2o; 3,3 – 5; Stromateis 4,8); Johannes Chrysostomus (Homilie 4, Ag. Opponents of Monastic Life, Nr. 3); Thomas von Aquin (Summa Theologica 2 2ae, q. 154, a 12, r 2-4).

Sie wurde als „Sünde wider die Natur" bezeichnet und fiel unter die Kategorie „Bestialität", d.h. Geschlechtsverkehr mit einem Tier. Für den Staat war sie ein kriminelles Vergehen und wurde oft mit dem Tode bestraft. Wie kam es nun zu einer Änderung im Denken der Kirche?

Es waren die Tatsachen. Soziologische Untersuchungen stellten fest, dass in den meisten Ländern der Welt 5 – 10% der Bevölkerung eine angeborene homosexuelle Neigung aufweisen. Drei „Ursachen" für Homosexualität werden heute allgemein als möglich anerkannt: sie ist bei manchen Menschen genetisch bedingt, sie kann Folge eines hormonellen Ungleichgewichts vor der Geburt sein, sie kann aber auch von der Familiensituation verursacht sein, in der ein Kind aufwächst (d.h. von einer Inzest- oder Missbrauchserfahrung) sowie durch die Erfahrungen, die er bzw. sie mit dem eigenen Geschlecht machen.

Wenn jedoch Gott, als Schöpfer, es so eingerichtet hat, dass manche Menschen von Natur aus homosexuell sind, dann können wir sie nicht vorbehaltlos verurteilen, ungeachtet unserer Meinung, wie Homosexuelle ihre sexuelle Neigung in legitimer Weise praktisch leben.

Weitere Informationen über das Thema und seine innerkirchliche Kontroverse vgl. M. Steinhäuser, Homosexualität als Schöpfungserfahrung. Ein Beitrag zur theologischen Urteilsbegründung, Stuttgart 1998; U. Eibach, Betrifft: Kirche und Homosexualität, Wuppertal 1995; H. Hartfeld, Homosexualität im Kontext von Bibel, Theologie und Seelsorge, Wuppertal 1991; V. Sommer, Wider die Natur. Homosexualität und Evolution, München 1990; W. Müller, Homosexualität – eine Herausforderung für Theologie und Seelsorge, Mainz 1986.

Die Glaubenskongregation hat in ihrer Erklärung „Zu einigen Fragen der Sexualethik" 1974 ihre Position gegenüber früheren Verlautbarungen insofern modifiziert, als sie anerkannte, dass es Homosexuelle gibt, „die durch eine Art angeborenen Trieb oder durch eine pathologische Veranlagung, die als unheilbar betrachtet wird, für immer solche sind ...Sicher muss man sich bei der seelsorglichen Betreuung dieser homosexuellen Menschen mit Verständnis annehmen und sie in der Hoffnung bestärken, ihre persönlichen Schwierigkeiten und ihre soziale Absonderung zu überwinden. Ihre Schuldhaftigkeit wird mit Klugheit beurteilt werden" (Nr. 8).

Vgl. Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 1 (29. Dezember 1975), Bonn 1975, 11.

Die Überlegungen darüber in der Kirche sind noch nicht abgeschlossen. Im folgenden führen wir einige moderne Theologen zu dieser umstrittenen Frage an. Anzumerken ist, dass unser heutiges Verständnis, das von neuen Erkenntnissen und einem größeren Sachverstand ausgeht, auch zu einer anderen Einschätzung der „Tradition" führt.

„Gott, der die Schöpfung und alles in ihr ins Dasein rief, liebt und umsorgt alle Geschöpfe ausnahmslos. Die moderne Psychologie sagt uns, dass eine homosexuelle Orientierung mit fünf oder sechs Jahren einsetzt. Die meisten Psychologen stimmen überein, dass sie auf keiner freien Entscheidung beruht, sei die Neigung nun angeboren, wie einige meinen, oder sehr früh erworben, wie andere behaupten. Wie könnte dann ein alles liebender Gott möglicherweise seine eigene Schöpfernatur verletzen und Homosexuelle als ‘Sünder ansehen?”

„Die heutige Bibelwissenschaft weist uns darauf hin, dass die Vorstellung einer angeborenen homosexuellen Neigung den biblischen Verfassern unbekannt war. Mit Sicherheit hatten sie keine Kenntnis von der Kinsey-Untersuchung, welche die Existenz eines Kontinuums feststellte, auf dem wir alle unseren Platz haben, irgendwo zwischen eindeutiger Heterosexualität über Bisexualität bis hin zur ausschließlichen Homosexualität. Die biblischen Schriftsteller waren der Meinung, alle Menschen seien von Natur aus heterosexuell, so dass sie ein homosexuelles Verhalten als unnatürlich ansahen.”

Schwester Mary Ann Ford, Pastoraltheologin

„Versteht man die Schriften wortwörtlich, so sagen sie über homosexuelles Verhalten nichts Positives aus. Die meisten Christen legen jedoch die Bibel nicht so aus; sie versuchen, sie aus ihrem historischen und kulturellen Kontext heraus zu verstehen und sehen dann, welche Bedeutung ihre Aussagen für uns heute haben. Schließlich wurden sie vor annähernd 2000 Jahren geschrieben, als es noch keinerlei Kenntnisse über anlagebedingte Homosexualität gab. Die biblischen Verfasser waren der Überzeugung, alle Menschen seien von Natur aus heterosexuell, so dass sie Homosexualität als unnatürliches Verhalten ansahen. Da wir inzwischen wissen, dass eine solche Neigung ebenso natürlich und gottgegeben ist wie eine heterosexuelle, ist uns heute klar, dass die biblischen Ver- und Gebote im Hinblick auf die Homosexualität durch die Einstellung und Überzeugung jener bedingt waren, die diese Form des Sexualverhaltens ohne die Kenntnis und das Wissen der Ergebnisse Jahrhunderte langer Forschungen beurteilten. Es ist unfair, von den biblischen Schriftstellern die Mentalität und das Verständnis des 20. Jahrhunderts über die Gleichheit der Geschlechter, der Rassen und sexuellen Orientierungen zu erwarten oder sie ihnen überzustülpen. Wir müssen in der Lage sein, die bleibenden Wahrheiten, welche die Bibel vermitteln will, von den kulturbedingten Formen und Einstellungen zu unterscheiden, in denen sie zum Ausdruck kommen.

„Gott hat Menschen mit einer gefühlsbetonten und leiblichen Anziehungskraft auf das gleiche wie auf das andere Geschlecht geschaffen. Viele, wenn nicht die meisten Menschen haben, wie wir heute immer mehr herausfinden, beide Arten von Anziehung in unterschiedlicher Abstufung. All diese Gefühle sind natürlich und werden von Gott als gut betrachtet und gesegnet. Sie sind, wie auch die entsprechenden Neigungen, nicht sündhaft. Die meisten katholischen Moraltheologen sind heute der Ansicht, dass homosexuelles ebenso wie heterosexuelles Verhalten, von Gott her gesehen, gut und heilig ist, sofern es Ausdruck einer besonderen und großen Liebe ist, die zwei Menschen miteinander verbindet. Homosexuelle wie heterosexuelle Ausdruckshandlungen können jedoch sündhaft sein, wenn sie manipulativ, unehrlich und nicht von Liebe getragen sind.”

Schwester Jeannine Gramick, Dr. phil., Notre Dame, Maryland

Die Katholische Kirche leitet ihre Prinzipien und Richtlinien für die Beurteilung ethischer Fragen wie der Homosexualität aus vier Hauptquellen ab: aus der Schrift, der Tradition (Theologen, kirchliche Dokumente, offizielle Lehraussagen usw.), der Vernunft und der menschlichen Erfahrung. Alle werden in ihrem wechselseitigem Zusammenhang angewandt. Dabei ist die Schrift die grundlegende und wichtigste normgebende Quelle, aber nicht die einzige. Das biblische Zeugnis wird ernst genommen, aber nicht wortwörtlich verstanden. Ein einzelner Schrifttext muss im größeren Zusammenhang seines Ursprungs in Sprache und Kultur verstanden werden, seiner verschiedenen Bedeutungsebenen sowie seiner Anwendung auf die zeitgenössischen Realitäten, und zwar im Licht der Aufgabe, welche die Gemeinschaft und ihre offizielle Leitung bei der maßgeblichern Textinterpretation zu erfüllen hat. Sowohl jüdische wie christliche Schriften sprechen von gewissen Formen gleichgeschlechtlichen (im allgemeinen männlichen) Verhaltens (nicht gleichgeschlechtlicher Liebe) sehr wohl negativ, vor allem wenn es mit Götzenverehrung, sinnlicher Lust, Gewalt, Entwürdigung, Prostitution usw. verquickt ist. Ob die Schrift alle und jede einzelne Form gleichgeschlechtlicher Ausdruckshandlungen in sich und als solches für alle Zeiten, Orte und Einzelpersonen verurteilt, ist Gegenstand ernsthafter theologischer und bibelwissenschaftlicher Debatten.

„Ich bin nicht der Meinung, dass Gott Homosexualität als „Sünde" betrachtet, wenn damit die psychosexuelle Identität lesbischer bzw. schwuler Personen gemeint ist, die sich, wie wir aus heutigen wissenschaftlichen Studien wissen, im Rahmen einer gesunden, menschlich-psychologischen Entwicklung bewegt, und die für einige ebenso natürlich ist wie die Heterosexualität für andere. Wenn Homosexualität die emotionale, intime Bindung in einer gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehung und Freundschaft bedeutet, dann ist Gott, da er Liebe ist, meiner Ansicht nach auch dort anwesend, wo immer sich echte Liebe zeigt.

„Wo Gott anwesend ist, dort kann es auch keine Sünde geben. Wenn Homosexualität gleichgeschlechtliche, erotische und leibliche Ausdrucksweisen gegenseitiger Verbundenheit und Freude meint, dann hängt die Möglichkeit personaler Sünde, ebenso wie bei Heterosexualität, vom Zusammenspiel dreier Faktoren ab: 1. vom leiblichen Verhalten und seiner Bedeutung für die Person; 2. von den Motiven und Absichten der handelnden Person, und 3. von den Folgen des Verhaltens für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Für viele Menschen ist ein sexuelles Verhalten, das die Person des anderen ausbeutet, sie Zwängen unterwirft, manipuliert, das unehrlich, eigensüchtig oder zerstörerisch ist, auch sündhaft. Für alle meint „Sünde" ein freies, den eigenen moralischen bzw. ethischen Überzeugungen widersprechendes Handeln. Ob diese sich von einer verfassten Religion oder einem persönlich entwickelten Wertesystem herleiten, ist ohne Belang.

„Gleichgeschlechtliche Ausdruckshandlungen einer verantwortlichen, treuen Liebe in einer vertraglich gebundenen Beziehung zwischen zwei wirklich homosexuell orientierten Menschen, die nicht die Gabe der Ehelosigkeit haben, konnte sich die Schrift nicht vorstellen. Ob eine solche Form von Homosexualität die biblischen und anthropologischen Prinzipien der Sexualität und Personalität verletzt – insbesondere im Licht moderner wissenschaftlicher Erkenntnis und menschlicher Erfahrung über eine homosexuelle Neigung – ist eine Schlüsselfrage, die sich den Kirchen und religiösen Gruppen heute stellt.”

C. Robert Nugent, Mitherausgeber von: The Vatican and Homosexuality, hat akademische Abschlüsse von St. Charles College, St Charles Theologate, in Bibliothekswissenschaft von der Villanova University und den Master-Grad in Theologie von der Yale University Divinity School.

Fazit

Die Kirche hat heute die früher übliche unterschiedslose Verurteilung jeder Art von Homosexualität aufgegeben.

Die biblischen Texte wurden missverstanden, weil sie als unveränderlich gültige Normen aufgefasst wurden, die ihre Verfasser gar nicht im Blick hatten. Wir verstehen die Tradition umso besser, je mehr sie mit einem tieferen Verständnis des Problems der Homosexualität Hand in Hand geht.

4. Die Frage der Frauenordination

In der Frage der sogenannten „Tradition" der Nichtzulassung von Frauen zum Priesteramt spielen die vorgebrachten Gründe die größte Rolle. Stellen sie sich als unzureichend heraus, wird die ganze Tradition suspekt, weil sie weder den Kern im Blick hatte noch durchdacht war noch von großer Sachkenntnis ausging.

Im folgenden zitieren wir das Urteil von Elisabeth A. Johnson, C.S.J., Theologieprofessorin an der Fordham University und Präsidentin der Catholic Theological Society of America, Autorin von: She Who is. Deutsch: Ich bin die, die ich bin, Düsseldorf 1994.

[Was den zweiten Punkt betrifft], „so ist die Geschichte voll von Beispielen, wo eine ununterbrochene Tradition gebrochen wurde. Dies geschah aufgrund der moralischen Sensibilität gläubiger Christen, der Einsichten kritischer Denker sowie aufgrund sorgfältiger Prüfung durch das Lehramt. Alle Gründe für den Traditionsbruch laufen dabei auf kulturelle Veränderungen hinaus. So gab es eine Zeit, da durften nach offizieller kirchlicher Lehre Eheleute beim ehelichen Akt keine Lust empfinden; da war die Tötung von Ungläubigen ein Weg zum Heil, die Zinsnahme für Anleihen verboten, Sklaverei erlaubt, die Diskriminierung von Juden legitim und Bibelwissenschaftler durften die historisch-kritische Methode nicht anwenden. Wie können wir feststellen, ob nicht das kirchliche Ordinationsverbot von Frauen einer ähnlichen Entwicklung entgegensieht? Der Jahrhunderte lang angegebene Grund war, sie seien dem Mann unterlegen bzw. Frauen seien eine „defiziente Form" des Männlichen (Thomas von Aquin). Dieser Grund ist heute in sich zusammengefallen. Das gleiche gilt auch von den anderen vorgebrachten Argumenten..."

„Versucht man, sie ernsthaft in Erwägung zu ziehen, so stellt man schnell ihre Unhaltbarkeit fest. Nach herkömmlicher kirchlicher Lehre ist die menschliche Urteilskraft, anders als unser Wille, nicht frei. Wir können nur dem wirklich zustimmen, was sich dem Geist als wirklich bzw. wahr offenbart: „die Wahrheit erhebt nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt" (Erklärung über die Religionsfreiheit, Nr. 1). Gerät eine erklärte Lehre oder Praxis mit unserer Vernunft in ständigem Konflikt, da sie, wie im vorliegenden Fall, ihr Ziel verfehlt, dann haben wir die Verantwortung, den Gründen nachzugehen und sie offen auszusprechen. Ein solcher Widerstand hat nichts mit Untreue oder Rebellion zu tun, geschweige denn mit Mangel an Glauben, sondern ist eine Form von Loyalität und Dienst an den andern.”

„Die ganzen Jahre hindurch war ein sachlich begründeter und verantwortungsbewusster Dissens ein Geschenk an die Kirche, wodurch die aus Liebe erwachsene Kritik das Wachstum gestärkt hat. Meiner Ansicht nach erfordert die nicht unfehlbare Erklärung der angeblichen Unfehlbarkeit der Tradition über die Frauordination genau diese Art von Antwort.„

Vgl. Elisabeth A. Johnson, ‘Disputed questions: authority, priesthood, women’, in: Commonweal 123 (26. Januar 1996) 8 – 10; vgl. auch Concilium 35 (1999) 275 – 399 (Thema: Die Weigerung, Frauen zu ordinieren); vgl. I. Raming, ‘Frauen gegen Diskriminierung und Entrechtung’, in: Orientierung 65 (15. und 30. April 2001) 75 – 79; 86 – 91.

Schwester Rose Hoover R.C., ständige Mitarbeiterin des Cenacle in Metairie, Louisiana, schreibt:

„Jahrhunderte lang schien es so, als sei das Priestertum des Mannes ein wirkungsvoller Dienst an der Weitergabe der Botschaft Jesu und könne in diesem Sinne als Tradition im Dienst der Tradition stehen. Doch wie sieht es heute damit aus? Was ist, wenn der Ausschluss von Frauen vom Priesteramt die Weitergabe der Tradition gefährdet? Ich bin nicht gerade besorgt um den Mangel an Berufungen. Doch was ist, wenn die Tradition eines exklusiv männlichen Priestertums als solche der Tradition des Evangeliums im Wege steht?...”

„Wir können nicht zulassen, dass die Ansichten der Kirchenväter oder der Scholastik oder selbst von Theologen noch zu Beginn dieses Jahrhunderts darüber entscheiden, wie Frauen in der Kirche heute gesehen werden sollen. Wir tragen Verantwortung für das, was wir von den modernen Sozial- und biologischen Wissenschaften, aber auch vom Heiligen Geist über Männer und Frauen gelernt haben. Thomas von Aquin war in vielen Dingen ein kluger Kopf, doch auch er war ein Kind seiner Zeit. In seiner Summa Theologica lesen wir: ´Da nun beim weiblichen Geschlecht kein Zeichen für einen Vorrang vorliegen kann, weil die Frau einen Stand der Unterordnung einnimmt, darum kann sie das Sakrament der Weihe nicht empfangen.´ Mehr noch, die untergeordnete Stellung der Frau sei nicht auf soziale Bedingungen zurückzuführen. Zur Frage, ob der Stand der Leibeigenschaft ein Weihehindernis sei, schrieb Thomas in seiner Summa: ´Die sakramentalen Zeichen stellen etwas dar aus einer natürlichen Ähnlichkeit heraus. Die Frau aber hat ihre Unterordnung von Natur, nicht so aber der Leibeigene.´ Thomas war auch der Meinung, Frauen würden nicht über genügend Geisteskraft verfügen, um der Konkupiszenz zu widerstehen. Und man habe gewiss auch seine Zweifel, einem Geschöpf von so natürlich begrenzter Ausstattung das Weihesakrament zu spenden. Wir können uns nicht zum Richter über Thomas von Aquin ernennen, doch wir wissen es heute besser. (Vgl. Summa Theologica, Suppl, quae 39, art. 1 und 3. Deutsch: Thomas von Aquin, Summa Theologica, Die Deutsche Thomas-Ausgabe, übersetzt und kommentiert von Dominikanern und Benediktinern Deutschlands und Österreichs, XXXII: Die Schlüsselgewalt der Kirche – Krankensalbung – das Sakrament der Weihe, Supplement 17 – 40, 311 und 319.)”

„Wir wissen, dass Frauen nicht von Natur aus Männern unterlegen sind (vgl. den Apostolischen Brief Johannes Pauls II. Mulieris Dignitatem von 1988). Wir wissen, dass eine Frau ebenso wenig von Natur aus in einem Zustand der Unterlegenheit ist wie der Mann. Thomas kann nicht mehr als Kronzeuge gegen die Frauenordination herangezogen werden. Seine Einwände ziehen nicht. Das gilt auch für alle anderen Gründe, die von einer Unterlegenheit der Frau ausgehen. Das stünde in klarem Widerspruch zu unserem heutigen Verständnis der Frohen Botschaft Jesu.”

Aus: Rose Hoover, ‘Consider Tradition: the Case for Women´s Ordination’, in: Commonweal 126 (26. Januar 1999) 17 – 20.

Fazit

In vergangenen Zeiten beruhten kirchliche Urteile und Lehrentscheidungen mitunter auf Nichtwissen bzw. irrigen Annahmen. Tradition kann nur dann verbindlich sein, wenn sie sich von solchen menschlichen „Zuwächsen" befreit hat, indem sie kritisch wurde. Der Heilige Geist ist jener Beistand, der der Glaubensgemeinschaft hilft, ihre Überzeugungen im Lichte neuer, im Laufe der Zeit verfügbar gewordener, Voraussetzungen zu überprüfen, so dass die Inhalte der Tradition neu bewertet und ihnen unter veränderten Umständen neue Bedeutung verliehen werden kann.

John Wijngaards

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Deutscher Sprachbereich

Dieses Dokument kann frei verwendet werden. Wir ersuchen jedoch um die Quellenangabe www.womenpriests.org.

Übersetzung aus dem Englischen: Franz Schmalz, 76532 Baden-Baden.


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