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Die „latente" Tradition in der Kirche

Die „latente" Tradition in der Kirche

Richtiges Verständnis der Tradition
* biblische Tradition
* dynamische Tradition
* latente Tradition
* reife Tradition

„Was von den Aposteln überliefert wurde, umfasst alles, was dem Volk Gottes hilft, ein heiliges Leben zu führen und den Glauben zu mehren. So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt."

Vgl. Dei Verbum, Nr. 8, deutsch in: K. Rahner/H. Vorgrimmler, Kleines Konzilskompendium, Freiburg 282000, Offenbarung, Nr. 8.

Die Geschichte der Kirche zeigt, dass wir die Vergangenheit sehr sorgfältig untersuchen sollten. Hinter der Praxis und den ausdrücklichen Texten kann es eine latente, aber gültige Tradition geben, eine Tradition, die in voller Treue zum Evangelium die Jahrhunderte hindurch weitergegeben wurde, ohne auch immer ausdrücklich als solche erkannt worden zu sein.

Wir möchten das in folgenden Schritten aufzeigen:

  1. Eine gültige Tradition darf nicht mit einer „allgemeinen Lehre" oder einer „allgemeinen Praxis” verwechselt werden.
  2. Es gibt eine gültige, implizite, latente Tradition.
  3. Diese Tradition ist in der herkömmlichen Theologie als „Evangelium in den Herzen” bekannt.
  4. Eine Abweichung von der „allgemeinen Lehre” kann sich später als gültige latente Tradition herausstellen.

1. Eine verbindliche Tradition darf nicht mit einer „allgemeinen Lehre” oder einer „allgemeinen Praxis” verwechselt werden

a) Die Verehrung einiger Heiliger

Vor noch nicht allzu langer Zeit wurden Leo II., Philomena und Georg allgemein als Heilige angesehen. Ihre Feste hatten im offiziellen liturgischen Kalendarium ihren festen Platz. Messen wurden zu ihren Ehren gefeiert, Jungen und Mädchen in der Taufe nach ihnen benannt. Sie wurden zu Patronen von Kirchen, von Vereinen und selbst von Ländern erklärt. Trotz all dieser Verehrung entschied die Ritenkongregation, diese Heiligen aus dem Kalendarium zu streichen. Warum? Man hatte herausgefunden, dass ihre bloße Existenz mit guten Gründen angezweifelt werden konnte.

Leo II. verdankte seine Erhebung in den Heiligenstand einer irrtümlichen Lesart des Heiligenkalenders, in dem das zweite Fest Leos des Großen (am 3. Juli) als Fest Leos II. angegeben war. Spätere Generationen meinten dann, es handle sich um einen anderen Leo als den, der am 11. April gefeiert wurde. So kam es zu der Annahme, es gebe die Existenz eines Leos des Zweiten. Die Heiligkeit Georgs kam auf andere Weise zustande. Er kommt nur in legendären Traditionen vor, die sich außerdem als solche heidnischen Ursprungs erwiesen haben (Es ist das altbekannte Motiv des Helden, der eine Jungfrau gegen einen Drachen verteidigt).

Und wie steht es mit der Heiligen Philomena? Viele Päpste im 19. Jahrhundert hatten eine Verehrung für diese Frau: Leo XII. (1823 – 1829), Gregor XVI. (1831 – 1846), Pius IX. (1846 – 1878) und Leo XIII. (1878 – 1903). Pius X. (1903 – 1914) erklärte, ihre Verehrung lasse sich nicht mehr zurückdrängen. Nach ihm dürfe man die bestehenden Entscheidungen und Erklärungen über die Heilige Philomena nicht anzweifeln. Wer behauptet, sie seien nicht von bleibender Dauer, nicht unveränderlich, gültig und wirksam, und man müsse ihnen keinen Gehorsam leisten und sie würden nicht ein für allemal und in vollem Umfang gelten, der gehe von einem Tatbestand aus, der null und nichtig und jeder Autorität entbehrt (1912).

Ihre Karriere als Heilige begann mit der Auffindung eines Grabmals, das auf einer zerbrochenen Namensplatte die Inschrift „Philomena" trug. Das Grab wurde als das einer Märtyrerin angesehen und die Gebeine (die nach gesichertem Befund der Archäologie niemals die der „Philomena" gewesen sein konnten, wie die Grabplatte behauptete) riefen bei plötzlichen Verehrern gewisse Wunschvorstellungen hervor. Tatsächlich haben wir jedoch über diese Philomena (falls es sie denn überhaupt gegeben hat) so gut wie keinerlei Kenntnisse. Sie könnte eine Christin, eine Heilige und eine Märtyrerin gewesen sein, aber ebenso gut nicht. Wir wissen einfach nicht, ob sie das war. Wir wissen nicht einmal, in welchem Alter sie starb. Kurz und gut, wie wissen viel zu wenig, um ihre öffentliche Verehrung zuzulassen.

Die Liturgiekongregation hat also 1961 mit Recht die öffentliche Verehrung dieser Heiligen fallen lassen trotz der sogenannten „allgemeinen Lehre" früherer katholischer Christen, einschließlich von Heiligen und Päpsten. Sie hat damit nicht etwa einer wahren und gültigen Tradition widersprochen, sondern lediglich jene „allgemeine Lehre" korrigiert. Denn beides fällt nicht zusammen!

b) Biblische Studien

Wenn mittelalterliche Theologen auf eine heutige Einführung in die Bibel einen flüchtigen Blick hätten werfen können, sie hätten sicher vor Überraschung und Bestürzung die Augen weit aufgerissen. Waaas? Die Psalmen stammen nicht von David? Das Buch der Weisheit sei erst nach dem Exil geschrieben worden? Eine Judith soll es gar nicht gegeben haben? Muss die Geschichte von Jona und dem Fisch ins Reich des inspirierten Midrasch verwiesen werden? Wir können uns vorstellen, wie die Theologen das Buch mit flammender Entrüstung beiseite gelegt hätten. „Diese Ansichten", hätten sie wohl gesagt, „sind eine Beleidigung für unsere Ohren! Sie stehen im Gegensatz zur allgemeinen Lehre der Kirche."

Ja, es stimmt, damals waren alle gleichermaßen, ob Päpste, Bischöfe, Theologen oder Kirchenlehrer, einhellig der Meinung, dass natürlich David selbst die Psalmen verfasst und die Juditgeschichte sich wirklich zugetragen habe, und dass Jona selbstverständlich von einem Seeungeheuer verschlungen worden war. Derartige Vorstellungen wurden damals allgemein als zutreffend angesehen. Sie wurden von der Kanzel als Wahrheiten verkündet und in den Klosterschulen als solche gelehrt. Ja, viele mögen diese Wahrheiten sogar als unabdingbaren Teil der offenbarten Lehre betrachtet haben! Sich ihnen entgegenzustellen, hätte nur zur Verurteilung durch die Inquisition geführt.

Frühere Jahrhunderte mögen überzeugt gewesen sein, dass Moses den Pentateuch geschrieben, oder dass Gott die Welt in genau sechs Tagen geschaffen habe. Derartige Überzeugungen waren universale und allgemein angenommene Lehren der Kirche. Für Theologen, Bischöfe und Päpste waren sie Teil einer ungebrochenen kirchlichen Tradition. Doch mit den neu aufkommenden wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem wachsenden Verständnis vom wirklichen Entstehungsprozess der Bibel musste die Kirche derartige Überzeugungen aufgeben, da sie die wahre Tradition verdunkelten. Denn „allgemeine Lehre" ist nicht das Markenzeichen einer gültigen kirchlichen Tradition. Gab es doch in der Kirche eine Zeit, in der nach ihrer „allgemeinen Lehre" die Erde eine flache Scheibe war und die Sonne sich um sie herum bewegte. Doch würden wir deshalb unseren Glauben an den Telekommunikationssatelliten Telstar aufgeben oder eine bereits gebuchte Weltreise streichen?

c. Bußsakrament

In den ersten sieben Jahrhunderten der Kirche galt die Beichte allgemein als öffentliches Sakrament. Außerdem wurde die sakramentale Lossprechung nur ein- oder zweimal im Leben erteilt. Bei bestimmten schweren Sünden, zum Beispiel bei Ehebruch, Apostasie und Mord, hat man die Lossprechung bis zum Zeitpunkt des Todes aufgeschoben. Die „allgemeine Lehre" damals wäre vor einer „häufigeren Beichte", wie wir sie heute kennen, zurückgeschreckt. Und doch, trotz dieser früheren allgemeinen Lehre, erkannte die Kirche im Laufe der Zeit, wie wertvoll der häufigere Empfang des Bußsakramentes als Mittel der Heiligung sein kann. Er bietet nicht nur die öffentliche Versöhnung an: er hilft auch dem Christen, der seine Sünden bereut, Christus, der ohne Sünden war, allmählich ähnlicher zu werden. Diesen Aspekt des Bußsakramentes hatte die frühchristliche Kirche noch nicht ausdrücklich erkannt, doch er war in ihrem Glaubensbewusstsein, was das Bußsakrament betrifft, implizit enthalten. Ein häufigerer Empfang des Bußsakramentes stand daher sicher im Gegensatz zu ihrer Praxis und zu ihrer vorherrschenden „allgemeinen Lehre", nicht aber zur geltenden „latenten Tradition".

2. Es gibt eine gültige, implizite und latente Tradition

Henry Kardinal Newman hat diesen Gedanken in seiner berühmten Universitätspredigt vom 2. Februar 1843 in Oxford in eloquenter Weise dargelegt. Im folgenden seien einige Auszüge wiedergegeben. Der Kursivdruck stammt von mir.

„Nr. 11. Hier möchte ich vor allem folgendes bemerken: Es ist zwar natürlich, dass die innere Idee der göttlichen Wahrheit, wie sie beschrieben wurde, durch die Tätigkeit unserer Reflexionskraft in eine explizite Form gebracht wird; und doch ist eine solche tatsächliche Formulierung für ihre Echtheit und Vollkommenheit nicht wesentlich. Ein Bauer kann einen wahren Eindruck haben, ohne fähig zu sein, irgendwie verstandesmäßig Rechenschaft darüber abzulegen; das wird man leicht verstehen. Aber es ist doch auf den ersten Blick auffällig, dass man mit guten Gründen behaupten kann, die Eindrücke, die der Geist eines Menschen aufgenommen hat, brauchen ihm nicht einmal bewusst zu werden. Wenn jemand sich einer Idee nicht bewusst ist, so ist das noch kein Beweis dafür, dass sie ihn nicht ergriffen hat. Nichts ist häufiger anzutreffen, sowohl im Bereich der Gefühle als auch in dem des Verstandes, als das Bestehen solcher unbewussten Eindrücke. Wenn wir sagen, dass gewisse Menschen sich selber nicht kennen, was meinen wir dann anderes, als dass sie von Ansichten, Gefühlen, Vorurteilen, Dingen beherrscht werden, deren sie sich nicht bewusst sind? Wie oft sind wir frohgestimmt oder niedergedrückt und erinnern uns nicht, warum. Und doch ist uns noch bewusst, dass man uns etwas erzählt hat, oder dass etwas geschehen ist, etwas Gutes oder Schlimmes, das unsere Stimmung erklären würde, wenn wir es nur in den Geist zurückrufen könnten! Was ist denn das Gedächtnis anderes als ein großes Magazin von solchen Ideen, die zwar schlummern, aber doch wirklich bestehen und geweckt werden können? Oder bedenken wir folgendes: Wenn jemand die Geschichte seiner eigenen Meinungen in vergangenen Jahren verfolgen wollte, wie schwierig würde schon der Versuch sein, bestimmte Daten für diese oder jene Überzeugung zu fixieren. Denn sein Gedankensystem befand sich während der ganzen Zeit in beständiger, allmählicher und ruhiger Expansion. Ebenso leicht wäre es, das Wachstum der Feldfrüchte im einzelnen zu verfolgen, ´zuerst den Halm, dann die Ähre, endlich die volle Frucht in der Ähre´, wie eine Chronik von Veränderungen zu verfassen, die keine plötzliche Umwälzung, Reaktion oder Laune des Geistes bedeuten, sondern die Geburt einer Idee darstellen, die Entwicklung dessen zur ausdrücklichen Form, was latent schon im Geist vorhanden war.

Oder ferner, man schreibt oft kritische Untersuchungen über eine Idee, die ein Dichter bei einzelnen seiner Werke und Charaktere gehabt habe. Solche Analysen nennen wir dann ´Philosophie der Dichtkunst´. Dabei nehmen wir aber nicht als notwendig an, der Dichter habe seine tatsächliche Darstellung aufgrund einer Theorie entwickelt oder er habe überhaupt gewusst, was er tat. Er sei vielmehr in Wirklichkeit von einer unbewussten Idee erfüllt, beherrscht, geleitet worden. Außerdem ist es eine Frage, ob nicht das eigenartige und schmerzliche Gefühl der Unwirklichkeit, das von Zeit zu Zeit über religiöse Menschen kommt, wenn ihnen nicht mehr wahr oder gut oder recht oder nützlich erscheint; wenn der Glaube ihnen nur ein Name, die Pflicht wie ein Hohn erscheint; wenn alle Mühe, das Rechte zu tun, unsinnig und hoffnungslos und alles öde und trist erscheint, als ob die Religion plötzlich in der Welt ausgetilgt wäre – ob dies Gefühl nicht die unmittelbare Wirkung der vorübergehenden Verdunkelung irgendeiner ihn beherrschenden inneren Vision ist, die sonst immer unbewusst den Geist mit geistlichem Leben und Frieden erfüllt.

12. Um noch eine andere Gruppe von Beispielen anzuführen, die wenigstens soweit zur Sache gehören, als es sich hier um reale Eindrücke handelt, wenn sie auch ohne Einfluss bleiben: Wie alltäglich ist das, was man als leeren Sinneseindruck bezeichnet, wenn das Auge von Gegenständen getroffen wird, ohne dass das Urteil sich irgendwie bemüht, sie abzuschätzen oder zu lokalisieren. Hierher gehört auch die Geistesabwesenheit, bei der man sich erst nach Minuten an ein Geräusch, den Schlag der Uhr oder die Frage des Gefährten erinnert, also an Eindrücke, die zur richtigen Zeit unbeachtet vorübergegangen waren. Und wie kommt es denn, dass wir im Traum plötzlich von einer Gefühlslage oder einer Verbindung von Umständen in eine andere übergehen, ohne irgendwelche Überraschung darüber zu empfinden, dass beides nicht zueinander passt? Doch nur, weil wir die wechselnden Eindrücke erleben, ohne uns ihrer aktiv bewusst zu werden. So ist vielleicht das Leben niederer Wesen beschaffen: eine Art fortdauernden Traumes, Eindrücke ohne Reflexion; so auch wohl das erste Leben des Säuglings. Ja, im Himmel selbst könnte von dieser Art die erhabene Existenz einiger seliger Geister höherer Ordnung sein, zum Beispiel der Seraphim, von denen es heißt, sie seien nicht Erkenntnis, sondern ganz Liebe.

13. Es ist nun wichtig, auf diesen Umstand näher einzugehen, denn er legt nahe, die Wirklichkeit und Dauer des inneren Wissens als verschieden vom ausdrücklichen Bekenntnis anzusehen. Das völlige oder partielle Fehlen oder die Unvollständigkeit dogmatischer Festlegungen ist kein Beweis für das Fehlen von Eindrücken oder impliziten Urteilen im Geist der Kirche. Ganze Jahrhunderte mögen ohne das förmliche Aussprechen einer Wahrheit vergehen, die während der ganzen Zeit dennoch das verborgene Leben von Millionen gläubiger Seelen war. So finden wir im dreizehnten Jahrhundert ein ausdrückliches und deutliches Bekenntnis der Kirche zur numerischen Einheit der göttlichen Natur vor, die einige der bedeutendsten griechischen Väter durch ihre Ausdrucksweise, wenn auch nicht wirklich, sondern nur prima facie leugnen. Die Lehre über den Ausgang des Heiligen Geistes von Vater und Sohn zugleich war wiederum in den ersten Zeiten kein katholisches Dogma, obgleich sie von einzelnen Vätern mehr oder weniger deutlich aufgestellt worden war. Und doch, wenn wir diese Lehre jetzt als Teil des Credo annehmen müssen, wie es sicher geschehen muss, so ist sie tatsächlich schon von Anfang an überall angenommen und daher in gewissem Maß als bloßer religiöser Eindruck festgehalten worden, und vielleicht als ein unbewusster.

14. Wenn Ideen im Geist des Christen latent existieren, ihn beseelen und gestalten können, dann ist es nicht besonders merkwürdig, dass sie schwer ans Licht zu bringen und zu definieren sind. Von dieser Schwierigkeit haben wir Beweise genug in der Geschichte der Kirche wie der Einzelmenschen. Sicher ist es durchaus nicht seltsam, dass der einzelne den Versuch, seinen eigenen Glauben zu analysieren, äußerst schwierig, wenn nicht unmöglich findet oder als Arbeit für viele Jahre ansieht. Und würden ihm seine wahren Entwicklungsformen vor Augen geführt, so wird er sicher davor zurückschrecken, so fremd würden sie seinem Denken erscheinen. Dies soll nun auf verschiedene Weise erläutert werden.

15. Vielleicht ist es oft schon von der Natur der Sache her unmöglich, eine Idee in kurzer Zeit zu bewältigen und auszudrücken. Einzelne Menschen finden manchmal, dass sie es überhaupt nicht können. Schließlich erkennen sie vielleicht bei einem Schriftsteller, auf den sie stoßen, genau den Ausdruck ihrer eigenen Gedanken, nachdem sie immer gesucht haben. Und dann sagen sie wohl: ´Hier ist, was ich schon lange gefühlt habe und sagen wollte, aber nicht konnte.´ Oder: ´Das habe ich immer behauptet, nur ist es hier besser ausgedrückt.´ Wie viele Menschen wiederum spüren in sich das Gewicht einer Idee, die sie durch einen großen Teil ihres Lebens verfolgt und von der sie sich nur nach langer Zeit und nur mit großer Mühe trennen können! Ich nehme an, die meisten von uns sind zu Zeiten, und zwar für eine längere Periode, durch Gedanken und Ansichten irritiert worden, die wir fühlten und als wahr empfanden, die sich aber nur undeutlich zeigten oder vor uns herflatterten. Schließlich sahen wir ein, dass wir sie nicht bezwingen könnten, sondern ihnen ihren Lauf lassen müssten, bis sie vielleicht zu ihrer Zeit ans Licht kämen, wenn es so sein sollte. Das Leben mancher Menschen, und nicht der unbedeutendsten unter den Gottesgelehrten und Philosophen, stand im Zeichen der Entwicklung einer einzigen Idee. Ja, vielleicht war ihr Leben für diesen Entwicklungsprozess noch zu kurz. Denn wie oft kommt es vor, dass ein Mensch, der eine neue Lehre zum erstenmal hört, zunächst zögert, sie annimmt, sie dann wieder leugnet und schließlich behauptet, er habe sie immer vertreten, finde aber Fehler in der Art, wie sie ihm vorgelegt wurde, und nennt sie paradox oder allzu subtil. Er ist also unfähig, im Augenblick seine eigenen Meinungen zu analysieren, und weiß nicht, ob er sich die Lehre zu eigen gemacht hat oder nicht, weil es ihm zu schwierig ist, seine Gedanken zu meistern.

16. Ein anderer charakteristischer Umstand bei dogmatischen Formulierungen ist, wie ich schon sagte, die Schwierigkeit, in ihnen, gerade wenn wir zu einer solchen gelangt sind, den wahren Ausdruck unserer Meinung zu erkennen. Das hat eine lange Reihe von Gründen: Zuweilen ist das Bewusstsein von unseren – guten oder bösen – Eindrücken so schwach, dass wir vor Prinzipien als solchen zurückschrecken, auch wenn wir ihren Einfluss stillschweigend anerkennen. So handelt mancher nach utilitaristischen Grundsätzen und ist doch empört, wenn er ihnen in wohlgesetzten Abhandlungen begegnet. Er wird sie dann sicher leugnen. In religiösen Dingen, weiterhin, kann gerade der Umstand, dass ein Dogma das Ergebnis unmittelbarer Betrachtung des Unendlichen und Ewigen und gegebenenfalls seine Definition sein will, ernsthafte Geister in Unruhe versetzen. Nach unserer Voraussetzung ist das Dogma ja außerdem die Darstellung einer Idee durch ein ihr wesensfremdes Mittel; nicht ursprünglich und unmittelbar konzipiert, sondern gleichsam in einer Widerspiegelung. Kein Wunder also, dass das Dogma trotz der innigsten Übereinstimmung mit dem ursprünglichen Eindruck in allen seinen Teilen noch Härten im Umriss aufweist, wie zum Beispiel einen Mangel an harmonischen Proportionen. Und doch ist das infolge der Schwäche unserer intellektuellen Kräfte unvermeidlich.

17. Eine weiter ähnliche Eigenart bei einer Entwicklung besteht darin, dass die Einzelergebnisse einer gemeinsamen Idee im allgemeinen auf den ersten Blick weit voneinander entfernt oder vielmehr scheinbar ohne jede Verbindung miteinander sind. So geraten Personen oft in den Verdacht des Parteigeistes, nur weil sie miteinander in bestimmten Punkten der Meinung und der Lebensführung übereinstimmen, die man innerhalb des weiten Gebietes der religiösen Lehre und Disziplin für allzu minutiös, disparat und vielfältig hält. Man kann es sich nicht anders denken, als dass sie von einer äußeren Beeinflussung und einer festgesetzten Linie stammten. Dagegen würde ein wirklicher Einblick in die wunderbare Expansionskraft und die Durchdringungsfähigkeit theologischer und philosophischer Ideen gezeigt haben, dass das scheinbar Zufällige bei rivalisierenden oder auch verwandten Schulen letzten Endes durch die ursprüngliche Voraussetzung aufs strengste determiniert ist. So hat man beobachtet, dass Theologen, die einen Seelenschlaf vor der Auferstehung behaupten, selten vor noch schwereren Irrtümern bewahrt geblieben sind. Und wer die Lehre Luthers von der Rechtfertigung leugnet, hat gewöhnlich Verständnis für den religiösen Wert der Liturgie. Es ist ferner eine ernst zu nehmende Tatsache, dass der Protestantismus zu verschiedenen Zeiten völlig unerwartet auf die Erlaubtheit oder Verteidigung der Vielweiberei verfallen ist. Auch wird man im allgemeinen finden, dass Häretiker, die sonst vielleicht weit in ihren Glaubenssätzen auseinandergehen, eine unerklärliche Vorliebe füreinander haben und aus ihrer gewöhnlichen Erstarrung nur dazu aufwachen, um Höflichkeiten auszutauschen und Bündnisse zu beraten. Noch eine Bemerkung ist hier am Platz. Sie bezieht sich auf die Länge, in die bestimmte Definitionen hineingeraten. Und doch meinten wir, bevor wir zu definieren versuchten, unsere Idee könne in ein oder zwei Sätzen ausgedrückt werden. Die Erklärungen wachsen unter der Hand trotz aller Mühe, sie zusammenzudrängen. Darin besteht auch der Unterschied zwischen mündlicher Unterhaltung und brieflichen Mitteilungen. Mit geringer Mühe sprechen wir unsere Meinung aus: Stimme, Gesten, halbe Worte ergänzen uns den Sinn. Aber beim Schreiben, wenn Einzelheiten ausgeführt und Missverständnisse vorweggenommen werden müssen, scheinen wir von der Verantwortung für unsere Aufgabe nicht loszukommen. Unter diesen Umständen ist es überraschend, dass die Glaubensbekenntnisse so kurz sind, nicht aber überraschend, dass sie eines Kommentars bedürfen.

18. Die Schwierigkeit und das Wagnis bei der Entwicklung von Lehren, die implicite angenommen sind, muss also unbedingt zugegeben werden. Und damit wird oft der Schluss begründet, sie hätten überhaupt keine ihnen eigentümlichen Entwicklungen, es bestehe keine natürliche Verbindung zwischen bestimmten Dogmen und bestimmten Eindrücken, und die theologische Wissenschaft sei eine Sache der Zeit, des Ortes und des Zufalls, während der innere Glaube immer und überall ein und derselbe bleibe. Aber sicher bäumt sich der Instinkt eines jeden Christen gegen diese Auffassung auf. Denn gerade der erste Impuls seines Glaubens ist es, zu versuchen, sich über die ´große Schau´ auszusprechen, mit der er begnadet worden ist. Und das scheint die Existenz einer Wissenschaft vom Glauben zu beweisen, ob nun der menschliche Geist zu ihrer Entdeckung fähig ist oder nicht. Und in der Tat, welche Wissenschaft öffnet sich denn jedem zufälligen Frager? Welche ist nicht dunkel in ihren Prinzipien? Welche verlangt keine besonderen Geistesgaben für ihre richtige Ausformung? Über jedes Problem können wahre und falsche Theorien auftauchen, und die falschen bilden keinen Vorentscheid gegen die wahren. Warum sollte also jene Klasse von Ideen so ganz anders sein als jede andere? Die Prinzipien der Philosophie, der Physik, Ethik, Politik, des Geschmacks lassen ein Doppeltes zu, eine implizite Annahme und eine explizite Definition. Warum sollte man die Ideen, die das verborgene Leben des Christen sind, nicht auch als in sich fixiert und umgrenzt gelten lassen und als fähig, wissenschaftlich analysiert zu werden? Warum soll es in der Religion nicht die wirkliche Verbindung zwischen der Wissenschaft und ihrem Gegenstand geben, die in den anderen Bereichen des Denkens existiert? Niemand wird leugnen, dass die Philosophie eines Zenon oder eines Pythagoras der Ausdruck einer bestimmten Art war, die Dinge zu sehen. Niemand wird behaupten, Platoniker und Epikuräer hätten nach der gleichen Idee von Natur, Leben und Pflicht gehandelt, sie hätten dasselbe gemeint, und nur in ihren Worten seien sie auseinandergegangen. Als ob bloß deshalb ein Plato oder ein Epikur nötig gewesen wäre, damit sie die verborgenen Elemente der Gedanken aufdeckten, aus denen die jeweilige Philosophie konstruiert werden sollte. Jemand kann natürlich in seinen Gefühlen, Ansichten, Strebungen und Handlungen ein Peripatetiker oder ein Akademiker sein, ohne dass er je in seinem Leben diese Namen auch nur gehört hätte. Nehmen wir nun noch den äußersten Fall an, es sei jemand für die Analyse seiner religiösen Meinungen ganz und gar auf die eigene Vernunft angewiesen und finde seine Vernunft der Aufgabe nicht gewachsen – auch das wäre noch keine Beweis gegen eine allgemeine, natürliche und gewöhnliche Übereinstimmung zwischen dem Dogma und der inneren Idee. Sicher, wenn der allmächtige Gott ewig ein und derselbe ist und uns auch als ein und derselbe offenbart ist, dann muss der wahre innere Eindruck, den er beim Empfänger der Offenbarung hervorruft, auch ein und derselbe sein. Und da die menschliche Natur nach festen Gesetzen vorgeht, muss die Definition dieses Eindrucks ebenfalls ein und dieselbe sein. So könnte man ebenso gut sagen, es gebe zwei Götter, wie es gebe zwei Glaubensbekenntnisse. Wir müssen die starken Erregungen des Gefühls, die willensmächtigen Handlungen und die schweren Leiden bedenken, die die Aufrechterhaltung der katholischen Dogmen zu allen Zeiten mit sich brachte. Nur eine sehr seichte Philosophie kann diese Dogmen dann noch als einen bloßen Streit um Worte hinstellen, und nur eine sehr niederträchtige Philosophie kann sie auf bloßen Parteigeist, persönliche Rivalität, Ehrgeiz oder Begehrlichkeit zurückführen."

Aus: John Henry Kardinal Newman, Zur Philosophie und Theologie des Glaubens. Oxforder Universitätspredigten, in: Ausgewählte Werke VI, Mainz, 236 – 242; vgl. G. Biemer, Überlieferung und Offenbarung. Die Lehre von der Tradition nach John Henry Newman, Freiburg 1961; ders., John Henry Newman als Zeuge und Animateur des Glaubens, in: Theologische Berichte XVIII, Glaubensvermittlung. Theologische und anthropologische Aspekte, Zürich 1989. D. Wiederkehr (Hg.), Wie geschieht Tradition? Überlieferung im Lebensprozess der Kirche, Freiburg 1991.

3. Diese Tradition ist in der theologischen Reflexion als „Evangelium in den Herzen" bekannt

In der Geschichte der Kirche hat man immer gewusst und anerkannt, dass nicht der geschriebene Text das wirkliche Evangelium sei. Paulus sagt: „Unverkennbar seid ihr ein Brief Christi, ausgefertigt durch unseren Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch" (2 Kor 3,3; vgl. vor allem Jer 31, 31 – 34).

Von der Glaubenstradition her gesehen, bedeutet das: Christus hat der Gemeinschaft der an ihn Glaubenden ein inneres Wissen um seine Offenbarung anvertraut, das über das hinausgeht, was im Neuen Testament oder in späteren kirchlichen Dokumenten geschrieben steht. Gemeint ist jene Wirklichkeit, die im Bewusstsein der Glaubensgemeinschaft besteht, das „Evangelium in den Herzen". Klemens von Alexandrien hat es so ausgedrückt: „Durch die Lehre des Erlösers, die den Aposteln übertragen wurde, ist uns in der geschriebenen Tradition die ungeschriebene Tradition überliefert, die durch Gottes Kraft in neue Herzen eingeschrieben hat, wie schon Jesaja es gesagt hat." Und Nikephorus von Konstantinopel erklärt: „Alles, was die Kirche tut, ist Tradition. Das trifft auch für das Evangelium zu, da Jesus selbst nichts Schriftliches hinterlassen, sondern sein Wort in die Herzen der Menschen eingesenkt hat" (Anti Heretikos III, 7; PG 100, 385cd.).

Nach Thomas von Aquin und Augustinus bleibt alle Schrift, einschließlich des Neuen Testaments, als geschriebenes Wort dem Herzen des Menschen äußerlich, sie ist bloßer Buchstabe, der tötet. Äußere Kommunikationsmittel werden im Neuen Bund weiter benutzt, doch sie sind sekundäre Wirklichkeiten, die nur dazu dienen, die primäre Wirklichkeit als inneres Geschehen im Herzen hervorzubringen: in ihm öffnen wir uns dem freien und ungeschuldeten Wirken des Geistes, das heißt, Gottes Selbstmitteilung, in der das neue Gesetz eigentlich besteht. Dieses Gesetz des Geistes wird nicht mit Tinte auf Papier geschrieben, noch auf steinerne Tafeln, sondern der lebendige Gott senkt es durch seinen Geist in die Herzen der Menschen ein.

Augustinus, De Spir et Litt, 14,23 und 17,30; Thomas von Aquin, Summa Theologica I-II,q.106, a.2; vgl. ST I-II q. 106, a. I, sed cont.; a 2, ad 3 III, q. 42, a. 4, ad 2, q. 72, a. 11; Comm. In 2Cor, c. 3, lect. I; In Hebr, c. 8, lect. 3 end.

Den Gedanken vom „Evangeliums in den Herzen" haben katholische Theologen bei ihrer Verteidigung der traditionellen Lehre gegen die Reformatoren häufig aufgegriffen, die die Offenbarung nur auf die in den Schriften niedergelegten Wahrheiten einengten.

Vgl. dazu Yves M. J. Congar, Die Tradition und die Traditionen I-II, Mainz 1965.

Joseph Ratzinger, jetziger Präfekt der Glaubenskongregation, hat gezeigt, dass das „Evangelium in den Herzen" auf dem Trienter Konzil (1601 – 1612) sehr umstritten war. Kardinal Cervini legte den Vätern dar, dass es drei Prinzipien und Grundlagen des Glaubens gebe:

„Die heiligen Bücher, die unter Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben wurden.
Die Frohe Botschaft, die unser Herr nicht schrieb, sondern mit dem Munde lehrte und in die Herzen einpflanzte und von dem die Evangelisten einiges später niederschrieben, während, während Vieles einfach den Herzen der Gläubigen anvertraut blieb.
Weil der Sohn Gottes nicht immer leiblich bei uns blieb, schickte er den Heiligen Geist, der in den Herzen der Gläubigen die Geheimnisse offenbaren und die Kirche bis zum Ende der Zeiten alle Wahrheit lehren sollte."

Vgl. Rahner/Ratzinger, Offenbarung und Überlieferung, Freiburg 1965, 51.

Ratzinger zeigt, dass diese ganze Debatte die Konzilsdekrete stark beeinflusste. Das Thema des „Evangeliums in den Herzen" wurde von einer Gruppe katholischer Theologen der sogenannten Tübinger Schule des 19. Jahrhunderts weiterentwickelt. Für Möhler und die Tübinger Theologen meint „lebendige Tradition" entweder eine Überzeugung, die sich in ihrer ganzen Breite und Tiefe in der Lebensführung ausprägt, wobei das Leben der Gemeinschaft stärker betont wird, oder, einfacher gesagt, das Wachsen der der Kirche anvertrauten Wahrheit die Zeiten hindurch, so wie eine lebendige Pflanze wächst. Diese letzte Auslegung ist die angemessenste. Die Tradition ist lebendig, denn es ist der lebendige Geist, der sie trägt, ein Geist, der lebendig in der Zeit ist. In ihr trifft er auf Probleme oder erwirbt einen Wissensschatz, die ihn veranlassen, der Tradition bzw. der Wahrheit, die sie enthält, die Reaktionen und charakteristischen Merkmale des Lebendigen zu verleihen: Anpassung, Reizbeantwortung, Wachstum und Fruchtbarkeit. Die Tradition ist lebendig, weil sie im lebendigen Geist „verwurzelt" ist, der aus ihr heraus lebt in einer Geschichte, die Aktivität, Probleme, Zweifel, Gegensätze, neue Aufbrüche und Fragen enthalt, die auf eine Antwort warten.

Vgl. Yves Congar, The Meaning of Tradition, New York 1964, 75.

Weitere von ihnen bevorzugten und ausführlich herausgearbeiteten Termini waren: sensus catholicus (katholisches Gespür), sensus fidei (Glaubenssinn), phrónema ekklesiastikón (kirchlicher Sinn), Ecclesiae Catholicae sensus (Meinung der Kirche), oder consensus Ecclesiae (Konsens der Kirche). Gerade in den letzten Ausdrücken steht „Kirche" für die gesamte Glaubensgemeinschaft.

Sensus catholicus könnte man mit dem Genius eines Volkes bzw. dem Volksgeist vergleichen, der Vergangenheit und Gegenwart in lebendiger Weise miteinander verknüpft. Ein solcher Geist hat sich in Gesetzen und Institutionen objektiviert und in ihnen, in höchster Form im Staat, Gestalt angenommen. So verhält es sich auch mit der Tradition: Der Geist einer Gemeinschaft, deren tiefste innere Kraft der Pfingstgeist, und die erfüllt von Leben ist, wird in der brüderlichen Gemeinschaft der Kirche weitergegeben und drückt sich in den bleibenden Glaubensschriften der Kirche aus.

Den sensus fidei Ecclesiae sollte man als „lebendiges Bewusstsein" verstehen. Tradition ist das wache Glaubensbewusstsein der Kirche. Die Rolle, die es in ihr spielt, ist vergleichbar mit der im Leben eines Einzelmenschen: es ist Verständnis und Erinnerung, Gradmesser der Identität, Instinkt für das jeweils Geeignete, Zeugnis und Ausdruck der Persönlichkeit. Dieses Bewusstsein ist jedoch von besonderer Art, da es in Christus seine Grundlage hat und Daten enthält, die es selbst als Erbe empfangen hat. Die Kirche bewahrt und aktualisiert die lebendige Erinnerung dessen, was ihr überliefert wurde. Kraft und Gegenwart dieser Überlieferung hält ihr Herr ständig in ihr lebendig. In gewissem Sinne war dieses Bewusstsein und sein Inhalt schon von Anfang an und in vollem Umfang in ihr lebendig, doch ist es nicht in jedem Augenblick auch in seiner ganzen Fülle in Erscheinung getreten.

Anders gesagt: das „Evangelium in den Herzen" trägt die latenten Traditionen in sich, von denen Newman sprach. Im Laufe der Zeit wird sich die Kirche dieses latenten Schatzes bewusst und macht ihn sich auch in ausdrücklicher Reflexion bewusst.

Die Schriften der Tübinger Schule hat im deutschen Sprachbereich J. R. Geiselmann zugänglich gemacht. Vgl. Die katholische Tübinger Schule. Ihre theologische Eigenart, Freiburg 1964; Lebendiger Glaube aus geheiligter Überlieferung (über Johann Möhler), Mainz 1942; Freiburg 21966; Die lebendige Überlieferung als Norm des christlichen Glaubens (über Kuhn), Freiburg 1959; Geist des Christentums und des Katholizismus (über von Drey), Mainz 1940.

4. Ein Dissens zur „allgemeinen Lehre" kann sich später als gültige latente Tradition erweisen

Unter der sententia communis, der „allgemeinen Meinung", die von vielen in der Kirche mit der „allgemeinen Lehre" gleichgesetzt wird, kann die wahre latente Tradition, die das inspirierte Wort Christi und der Apostel treu bewahrt, zunächst einmal als Dissens auftreten.

„Wir sollten...die Möglichkeit ins Auge fassen, dass eine früher allgemein vertretene Lehre heute nicht mehr von allen geteilt wird. Das lässt sich bei einer ganzen Reihe von Fragen konkret belegen. Mit anderen Worten: Was anfangs eine abweichende Meinung war, ist später in einzelnen Fällen zur Mehrheitsmeinung, ja zur offiziellen Lehre geworden. Ein überzeugendes Beispiel dafür ist die Frage der absoluten Heilsnotwendigkeit des christlichen Glaubens, den man ausdrücklich annehmen musste, um gerettet zu werden. Bis zum 15. Jahrhundert gab es hier einen allgemeinen Konsens in der Kirche. Im Lichte der Entdeckungen des 15. und 16. Jahrhunderts jedoch, als man feststellte, dass die meisten Menschen vor der Ankunft der Missionare gar keine Möglichkeit gehabt hatten, den christlichen Glauben anzunehmen, begannen die Theologen, die Frage neu zu überdenken, und die Kirche kam dann in der Folgezeit allmählich zu der heutigen Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Heilsmöglichkeit jener, die ohne persönliche Schuld nicht zum christlichen Glauben gelangt sind.

So kann es sein, und so ist ja auch schon vorgekommen, dass ein anfänglicher Dissens zur allgemeinen Lehre später als solche angenommen wurde. Andere Beispiele wären die Einschätzung der Sklaverei durch die Kirche, das von ihr ausgesprochene Zinsverbot, und ihre Ansichten über die Religionsfreiheit und die nichtchristlichen Religionen usw. Hier hat es abweichende Meinungen gegeben, die dann später kirchliche Lehre wurden. Ein interessantes Beispiel dafür ist sogar die Enzyklika Evangelium vitae Johannes Pauls II.

Es ließe sich unschwer zeigen, dass Päpste und Bischöfe sich über Jahrhunderte hinweg der Auffassung Innozenz´ III. angeschlossen haben, wonach „die Strafe für die Ursünde das Entbehren der Schau Gottes" sei. Dementsprechend lehrten sie übereinstimmend, dass alle ungetauft gestorbenen Kinder nicht zur Anschauung Gottes gelangen würden (vgl. seinen Brief Maiores ecclesiae causas von 1201, in: H. Denzinger, Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hg. von P. Hünermann, Freiburg 381999, 346). Und noch 1954 vertrat William A. Van Roo in einem wissenschaftlichen Beitrag die Stringenz des sensus ecclesiae in dieser Frage. Vgl. ‘Infants dying without Baptism: a survey of recent literature and determination of the state of the question’, in: Gregorianum 35 (1954) 406 – 73.

Ungeachtet dessen sagt Papst Johannes Paul II. in Evangelium vitae mit Bezug auf Frauen, die abgetrieben haben: „Der Vater allen Erbarmens wartet auf euch, um euch im Sakrament der Versöhnung seine Vergebung und seinen Frieden anzubieten. Ihr werdet merken, dass nichts verloren ist, und werdet auch euer Kind um Vergebung bitten können, das jetzt im Herrn lebt" (vgl. Evangelium vitae, Nr. 99, in: Deutsche Bischofskonferenz (Hg.), Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles 120, Bonn 1995, 118 – 119). Man könnte hier auch die Aussagen des Römischen Katechismus Pius´ V. aus dem Jahre 1566 (II.ii.35) mit denen des Katechismus der Katholischen Kirche Johannes Pauls´ II. aus dem Jahre 1992 (Nr. 1261) vergleichen."

F. A. Sullivan, ‘Recent theological observations on magisterial documents and public dissent’, in: Theological Studies 58 (Sept. 1997) 509 – 515.

Fazit

In den kirchlichen Praktiken und Texten aus längst vergangenen Zeiten kann echte Tradition latent „verborgen" sein. Sie blieb aufbewahrt im „Evangelium in den Herzen" , im Wissen, was Jesus wirklich gemeint hat. Und das blieb durch das Wirken des Heiligen Geistes im Geist und in den Herzen der Glaubensgemeinschaft lebendig.

Vergleiche dazu auch die Dokumente:

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Übersetzung aus dem Englischen: Franz Schmalz, 76532 Baden-Baden.


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