Pastorale Notwendigkeit für den Diakonat der Frau

Pastorale Notwendigkeit für den Diakonat der Frau

aus: Die Kirche braucht Diakoninnen, Münster 1999.

Die Kirche ist in einer Umbruchsituation. Das erfahren wir häufig in den eigenen Gemeinden, in den Glaubensgeschichten und -biographien der eigenen Familie und zwischen den Generationen, das erfahren wir im oft konfliktreichen Austausch über unterschiedliche Kirchenbilder bei Zusammenkünften in den Gemeindegremien. Trotz dieser schwierigen Situation - oder vielleicht gerade dadurch provoziert - engagieren sich nach wie vor viele Frauen in dieser Kirche, in den konkreten Gemeinden vor Ort, in Frauengemeinschaften, in caritativen, katechetischen oder liturgischen Bereichen. Während Männern, die sich in diesem Engagement in der Gemeinde bewährt haben, prinzipiell die Möglichkeit der sakramentalen Finordnung und Anerkennung ihres Dienstes offen steht, bleibt den Frauen diese Möglichkeit bisher aus kirchenrechtlichen Gründen verwehrt. Trotz persönlicher und fachlich großer Kompetenz gibt es keine bestätigende Anerkennung kirchlicherseits.

Frauen bringen ihre Dienste oft selbstverständlich, ohne viel Aufsehen in den Aussau einer lebendigen Gemeinde mit ein. “Sehr oft weiss nicht einmal der Pfarrgemeinderat von den unzähligen Handgriffen, die scheinbar ganz selbstverständlich getan werden. Frauen zu Diakoninnen zu weihen, könnte eine Aufwertung der diakonalen Dienste bedeuten und die Diakonie insgesamt aus ihrem Aschenputteldasein befreien. Angesichts der steigenden Notwendigkeit des diakonalen Dienstes der Kirche in unserer Gesellschaft wäre dies nur zu begrüßen. Es würde damit endlich auch der Anstrich des Verbotenen und Anstössigen von jeglichem sozialpolitischen Engagement als Christen und Christinnen in der Gesellschaft genommen."(1)

Es fehlt in unseren Gemeinden die unbequeme Solidarität der Gesunden mit den Kranken. Damit aber geht der ureigenste Auftrag Jesu verloren: “Und er wandelte umher ... kündend das Evangelium vom Reich Gottes und heilend jede Krankheit und jede Entkräftung im Volk" (Mt 4, 23). “Gottes Reich bricht an, wo - und ist es noch so unscheinbar - ein Mensch einem anderen zur Heilung verhilft: am Körper, an der Psyche, an der Lebenssituation”(2) . Die kirchlichen Gemeinden leiden heute nicht zuletzt unter innerer Auszehrung, weil der Blick für die konkrete Not und das existentielle Leid der Menschen aus dem Zentrum des Gemeindelebens verschwunden und an Fachverbände und sonstige Einrichtungen delegiert worden ist. Damit geht uns Christen und Christinnen aber auch eine Erfahrungsdimension verloren, die Jesus ganz nah an sich herankommen ließ. Wir hingegen versachlichen solche Erfahrungen. Diakoninnen müßten Frauen sein, die sich einer solchen Versachlichung entgegenstellen, die sich berühren lassen und stille werden können, um Leiderfahrungen von Menschen in sich und in der Gemeinde neu zu Wort kommen zu lassen. Die Weihe von Frauen zu Diakoninnen ist ein Zeichen der Berührbarkeit und Barmherzigkeit Gottes, ein Zeichen der weiblichen Kraft Gottes.

Option für den Diakonat der Frau

So wie die verschiedenen Epochen der Kir" chengeschichte die Ämter angesichts der Herausforderungen der Zeit entsprechend ausgestaltet und gewichtet haben, ist es heute höchst dringlich, angesichts der Leiden und Nöte der Menschen auch Diakoninnen offiziell mit diesem Dienst zu betrauen"(3), konkret

  • in der Begleitung von Kranken und Sterbenden, in der Tröstung und Begleitung von Behinderten,
  • in der Solidarität mit den Verarmten und Nichtsesshaften, den Fremden und Asylanten,
  • in der Mitsorge für Hilflose und an den Rand Gedrängte, in der Solidarität mit alleinerziehenden Müttern und Vätern,
  • in Kontaktgruppen für psychisch Kranke und Bedrängte,
  • in der Begleitung und Stärkung junger Familien,
  • im Afbau von Hospiz- und Ehrenamtlichengruppen im Umfeld von Sozialstationen,
  • in der Sorge für Kinderkrippen und -gärten,
  • in der Begleitung von Jugendlichen,
  • als Schulseelsorgerinnen; in Behindertenzentren und Wohnheirnen,
  • in der Begleitung von Schwangerschaftskonfliktsituationen,
  • in der Leitung von Wortgottesdiensten zu den verschiedensten Anlässen,
  • in der Entdeckung und Förderung verschiedener Talente und Charismen in der Gemeinde,
  • in der Wortverkündigung und in der theologischen Lehre.

Dieser Anspruch ist selbstverständlich an alle Christinnen und Christen formuliert. In der Person der Diakonin und des Diakons wird dieser Auftrag aber gleichsam als Verpflichtung personalisiert und tritt in deren Person der Gemeinde gegenüber. Diakonin und Diakon haben diese Sendung nicht nur persönlich zu leben, sondern mit und in den Gemeinden wahrzunehmen. Sie motivieren die Christen, diese Sendung als eigene zu erkennen. Wichtig ist dabei aber die Option für eine strukturelle Diakonie: zu erreichen, daß erst gar nicht so viele Menschen hungrig, durstig und gefangen werden."(4)

Bereits das II. Vatikanum will diese Dienste in die sakramentale Dimension des kirchlichen Lebens eingebunden wissen. “Es ist angebracht, daß Männer, die tatsächlich einen diakonalen Dienst ausüben, sei es als Katechisten in der Verkündigung des Gotteswortes, sei es in der Ausübung sozialer oder karitativer Werke, durch die von den Aposteln her überlieferte Handauflegung gestärkt werden und sich dem Altare enger verbunden fühlen können.” (Ad gentes 16) Damit integrierte das Konzil verschiedene Ordnungen und Strukturen, die durch die konkreten Nöte und Bedürfnisse der Menschen vor Ort hervorgerufen worden waren, in die sakramentale Dimension des Ordo und anerkannte diese als wesentlich für die Kirche. Die Fixierung auf die Männer ist dabei aus der Situation der sechziger Jahre durchaus verständlich. Heute ist es allerdings nicht mehr einsehbar, warum diese Logik nicht auch für jene Frauen gelten soll, die einen ähnlichen Dienst leisten.

In ihrem Hirtenwort über die Stellung der Frau haben die Deutschen Bischöfe bereits 1981 erklärt, daß unsere Kirche ein Modell der Partnerschaft von Mann und Frau sein sollte. Beim Diakonat - von Mann und Frau - wäre ein solches Beispiel und ein Zeichen der Glaubwürdigkeit unserer Kirche gegeben. Bereits Teresa von Avila hat darum gebetet, daß der Tag kommen möge, an dem fahige und glaubende Menschen nicht mehr an der vollen Partizipation gehindert werden, nur weil sie Frauen sind.(5)

Brunhilde Oesternann

Anmerkungen

1. Brigitte Gruber-Aichinger, Gedanken zum “Diakonat der Frauen” in Theologisch-Praktische Quartalszeitschrift 4/1996.

2. dies.ebd.

3. P. Hünermann, Diakonat - Ein Amt für Frauen in der Kirche - Ein frauengerechtetes Amt Ostfildern 1997.

4. P. Hünermann, a.a.O

5. vgl.Hanna-Renate Laurien, in P.Hünermann,a.a.O

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