Zur Geschichte des weiblichen Diakonats

Zur Geschichte des weiblichen Diakonats

aus: Die Kirche braucht diakoninnen, Münster 1999.

Gab es bereits in neutestamentlicher Zeit Diakoninnen?

Es gibt zwei Textstellen in NT, die sich auf Diakoninnen beziehen:

Röm 16,1-3 (Diakon Phöbe)

1Tim 3,11 (Weibliche Diakone in einem Ämterspiegel)

Röm 16, 1-3: Phöbe wird von Paulus als “Diakon der Gemeinde von Kenchreä” vorgestellt; nach Gerhard Lohfink sprechen Gründe dafür, daB Paulus in Röm 16,1 'Diakon'bereits im Sinne einer spezifischen Amtsbezeichnung versteht; denn die männliche Form diakonos weist auf ein solch spezielles Amt hin. Der sich unmittelbar anschließende Genitiv “der Gemeinde” deutet auf einen ständigen und anerkannten Dienst der Phöbe in der Gemeinde Kenchreä hin. Uber die Aufgaben, die mit diesem Amt für Phoebe verbunden waren, wird allerdings nichts Näheres ausgeführt; allgemein ist davon auszugehen, daß das heutige Verständnis vom Diakonatsamt nicht identisch mit dem Diakonat im NT ist, da sich die Amtsstrukturen erst allmählich herausgebildet haben.
Phöbe wird ausserdem noch prostatis = Patronin, Vorsteherin genannt.
Sie war vermutlich auch Vorsteherin einer Hausgemeinde.

1Tim 3,11: In dem in 1Tim 3 vorliegenden Ämterspiegel, in dem Grundvoraussetzungen für die wichtigsten kirchlichen Ämter aufgezählt werden, geht es zunächst um die Episkopen (1-7), dann um die Diakone (8-10), dann um die Frauen (v.11), dann wieder um die Diakone (12f). Es heisst dort u.a.: “Nur wenn nichts gegen sie [die Diakone] vorliegt, sollen sie ihren Dienst ausüben. Ebenso sollen die Frauen ehrenhaft, nicht verleumderisch, mässig im Weingenuss und in allem zuverlässig sein.” Im Anschluss daran spricht der Text wieder von den Diakonen: “Die Diakone sollen nur einmal verheiratet sein.”

Im christlichen Osten hat man die Verse über die Frauen auf die weiblichen Vertreterinnen dieses Amtes bezogen, im Wes¿en vermutete man dahinter die Ehefrauen der Diakone. Letztere Deutung ist aber kaum zutreffend: Da es sich bei dem genannten Text nämlich um einen Ämterspiegel handelt, wäre es unlogisch, in diesem Zusammenhang Anforderungen für Frauen als Ehefrauen zu benennen.

Wie verlief die weitere Entwicklung des Diakonats der Frau?

In der Ostkirche:
In der Didascalia apostolorum, einer syrischen Gemeindeordnung aus dem 3. Jh., ist das Institut der Diakonin zum ersten Mal zweifelsfrei bezeugt und zeigt bereits deutlichere Konturen. Diakon und Diakonin teilen sich das eine ministerium diaconiae und tragen die gleiche Bezeichnung diaconi. In der Didascalia wird der Diakonin ein eigener Platz innerhalb der kirchlichen Dienste zugewiesen, indem die einzelnen Ämter der Trinität zugeordnet werden: Der Bischof steht an der Stelle Gottes, der Diakon an der Stelle Christi, die Diakonin soll an der Stelle des Heiligen Geistes geehrt werden.

In den Apostolischen Konstitutionen (Kirchenordnung aus dem Ende des 4. Jh.) wird diese trinitarische Typologie übernommen. Die Diakonin, hier diaconissa genannt, hat inzwischen ein klar definiertes Amt, das der Bischof durch Weihegebet und Handauflegung überträgt. Ab dem 4. Jh. häufen sich die Zeugnisse für die Existenz von Diakoninnen: Diakoninnen sind belegt in Antiochien, Jerusalem, Cäsarea (Palästina), Kappadokien und in Konstantinopel.

Das weibliche Diakonatsamt besteht weiter etwa bis zum 11. Jahrhundert (bes. in Byzanz); die Diakoninnen wurden (als Leiterinnen religiöser Frauengemeinschaften) auf das klösterliche Leben zurückgedrängt und zunehmend vom öffentlichen Gemeindedienst ausgeschlossen.

In der Westkirche

Eine so ausgedehnte Verbreitung und ein so relativ fester Bestand des Diakoninnenamtes wie in der Ostkirche sind in der Westkirche nicht bezeugt. Mit Ausnahme einiger byzantinisch beherrschter Gebiete in Gallien und Süditalien gab es im Westen des römischen Reiches an scheinend kaum kirchlich anerkannte Diakoninnen, was vor allem auf sozio-kulturelle Unter schiede zwischen Ost- und Westkirche zurück zuführen ist: Frauen waren im Westen stärker in die Gesellschaft integriert, so dass z.B. die häusliche, von Männern getrennte Unterweisung von Frauen und Kindern hier nicht im gleichen Masse erforderlich war wie in den Kirchen des Ostens.

Bereits im 4.- 6. Jahrhundert verboten mehrere gallikanische Synoden ausdrücklich die Diakonssenordination.

Welche Tätigkeiten/Aufgaben übten die Diakoninnen aus?

Zu den Aufgabenbereichen der Diakonin in der Kirche des Ostens gehörten:

  • karitative Arbeit: Die Diakonin kümmerte sich um kranke Frauen, war darüber hinaus zuständig für Arme, Kinder und der Pflege Bedürftige;
  • missionarische, katechetische, pastorale und erzieherische Arbeit: Hinführung heidnischer Frauen zum Christentum, ihre katechetische Unterweisung vor und nach der Taufe, christliche Bildung der Frauen, Kinder, Jungfrauen und Waisen in den Gemeinden;
  • liturgischer Dienst: Taufhelferin bei der Taufe der Frauen (Untertauchen des ganzen unbekleideten Körpers ins Wasser), Salbung des Körpers mit Katechumenen- und Chrisamöl (der Taufakt selbst und die Salbung der Stirn waren jedoch den männlichen Klerikern vorbehalten), Austeilung der Kommunion an kranke Frauen.

Trotz der weitreichenden Funktionen der Diakonin in den syrischen Kirchenordnungen wurde daran festgehalten, daß die Diakonin keinen Dienst am Altar ausübte; dies scheint dagegen wohl in der Kirche von Byzanz der Fall gewesen zu sein.

Gab es eine der Weihe für männliche Diakone gleichartige 'sakramentale' Weihe für Diakoninnen?

In der Diskussion über die Erneuerung des weiblichen Diakonats spielt die Frage, ob es sich bei der Weihe der Diakoninnen um eine höhere (sakramentale) Weihe (Cheirotonia) gehandelt hat oder um eine nichtsakramentale Benediktion, eine bedeutende Rolle. Die Gegner einer Wiedereinführung des Diakonats der Frau interpretieren die historischen Quellen so, daß sie sowohl die Sakramentalität der Diakoninnenweihe bestreiten als auch die Gleichrangigkeit der Diakoninnen mit den Diakonen, wobei sie sich auf die Unterschiedlichkeit ihrer Befugnisse und Aufgaben (die Diakonin sei -- im Unterschied zum Diakon - z.B. nicht zum Altardienst bestellt worden) stützen.

Bei einer derartigen Bewertung der historischen Quellen wird allerdings ausser acht gelassen, dass das Amt der Diakonin infolge der in der frühen und fruhmittelalterlichen Kirche verbreiteten Diskriminierung der Frau um ihres Geschlechtes willen an seiner Entfaltung gehindert wurde. (Näheres dazu weiter unten).

Zahlreiche Autorinnen und Autoren sehen dagegen in der Diakoninnenweihe eine der Weihe von Diakonen gleichwertige sakramentale Handlung, die auch in formaler Hinsicht Parallelen zu der Weihe der höheren Kleriker aufweist: die Handauflegung durch den Bischof im Altarraum im Beisein der Presbyter, Diakonen und der anderen Diakoninnen sowie das Weihegebet mit Anamnese und vor allem der Epiklese sprechen nach ihrer Meinung klar dafür. “Der Punkt, wo der Ritus der Diakoninnenweihe im Osten (ein wenig) hinter der des Diakons zurückbleibt, ist eindeutig die Nähe zum Altar und zu den eucharistischen Gaben von Brot und Wein” - der Diakon erhält z.B. Altargeräte, sie dagegen nicht. “Immerhin darf die Diakonin den Altarraum betreten, was für Frauen allgemein bereits im 4. Jh. durch den Kanon 44 von Laodikeia verboten wurde.” (A.Jensen).

Welche Ursachen/Gründe führten zum Untergang des weiblichen Diakonats?

Die rasche Ausbreitung des Diakoninnenamtes in der Ostkirche war mit der umfangreichen Missionstätigkeit der Kirche im 3. u. 4. Jh. verbunden. Aufgrund der Entwicklung zur Volkskirche hin und der rückläufigen Zahl der Erwachsenentaufen verloren die Diakoninnen zunehmend ihre Bedeutung als Liturginnen und Katechetinnen, ihre Tätigkeit reduzierte sich auf den karitativen Bereich.

Darüber hinaus darf aber eine weitere wesentliche Ursache für den Untergang des Diakoninnenamtes - die Vorstellung von der sexuellen Unreinheit der Frau - nicht übersehen werden, über die ein berühmter Kanonist der orthodoxen Kirche aus dem 12. Jh., Theodor Balsamon,` berichtet: “Einstmals war der Ordo der Diakoninnen den kirchlichen Gesetzen zufolge bekannt; sie hatten Zutritt zum Altar. Infolge ihrer allmonatlichen Verunreinigung wurde ihr Amt jedoch aus dem Kultbereich und vom heiligen Altar verdrängt. In der ehrwürdigen Kirche von Konstantinopel werden zwar noch Diakoninnen ausgewählt, einen Zugang zum Altardienst haben sie aber nicht (mehr). An mehreren Orten haben sie Konvente und leiten dort eine Frauengemeinschaft nach kirchlicher Vorschrift.” Die Diakonin wurde also auf das klösterliche Leben zurückgedrängt und auf diese Weise von dem Gemeindedienst ausgeschlossen; dieser Vorgang vollzog sich nicht nur im byzantinischen Raum, sondern auch sonst im Orient wie im Westen und ist auf das Vordringen des Mönchtums mit seinen asketischen und leibfeindlichen Tendenzen zurückzufuhren.

Die Vorstellung von der angeblichen 'Unreinheit der Frau' liegt im übrigen auch den Verboten der Diakoninnenweihe in der Westkirche (gallikanische Synoden des 4.- 6. Jh.) zugrunde.

Kann man heute an den altkirchlichen Diakonat der Frau ohne weiteres wieder anknüpfen?

Die Unterschiede zwischen der soziokulturellen Situation der frühen Kirche und der Kirche heute würden völlig ausser acht gelassen, wollte man den altkirchlichen Diakonat der Frau in seiner ursprünglichen Ausprägung wieder rekonstruieren. “Es wäre ein grundsätzlicher methodischer Fehler, geschichtliche Fakten als eine Art Norm zu verstehen...”; denn “für die Gestaltung des kirchlichen Lebens in unserer Zeit dürfen wir die gleiche Freiheit in Anspruch nehmen wie die Christinnen und Christen des ersten Jahrtausends.” (A.Jensen)

Was allerdings als durchgehender Zug im altkirchlichen weiblichen Diakonat ausgeprägt war: nämlich der spezielle Dienst an Frauen, das sollte auch in der heutigen Kirche beibehalten werden, wenn freilich auch auf einer anderen Ebene und in zeitgemäßer Gestaltung; denn als vom kirchlichen Patriarchat Betroffene und oftmals auch Geschädigte bedürfen die Frauen in der römisch-katholischen Kirche einer besonderen Zuwendung und Hilfe durch Frauen im diakonalen Amt.

Ida Raming

Literaturangaben (Auswahl)

Diakonat. Ein Amt für Frauen in der Kirche Ein frauengerechtes Amt? (hg. v. P. Hünermann, A. Biesinger, M. Heimbach-Steins, A. Jensen, Ostfildern 1997).

Reininger, Dorothea: Diakonat der Frau in der Alten Kirche - Diskussionen, Entscheidungen und pastoral-praktische Erfahrungen in der christlichen Ökumene und ihr Beitrag zur römisch-katholischen Diskussion, Ostfildern 1999

Raming, Ida: Der Ausschluss der Frau vom priesterlichen Amt - Gottgewollte Tradition oder Diskriminierung? (Köln-Wien 1973)

Sehe auch Diakonatsamt für die Frau:

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